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Gnocchi con Cuore & Tatare de cœur de bœuf

Posted in Essen & Trinken on 15. März 2014 by Herr Grau

Ich wollte diesen Artikel eigentlich damit eröffnen, wie lange ich schon wieder nicht mehr darüber genörgelt habe, dass deutlich zu wenig Innereien gegessen werden. Probieren wir es mal anders: Was tun, wenn man Lust auf richtig lecker Fleisch hat aber der Geldbeutel sich feucht und klamm anfühlt? Wie wäre es mit einem zarten und geschmackvollen Muskelfleisch, das für 3,99€ das Kilo zu haben ist?

Herz. „Die Essenz des Biestes“, um mit Fergus Henderson zu sprechen. Erstaunlich günstig und wahnsinnig lecker. Das Herz besteht zu größten Teilen aus Muskulatur und ist damit eigentlich dem klassischen Muskelfleisch näher als den anderen Organen. Während die kleinen Herzen von Geflügel noch etwas nach Innereien schmecken, finde ich diese Note in den Herzen von Schwein und Rind kaum noch – es dominiert vielmehr eine dunkle Steakigkeit (jap.), die Textur ist zart, aber fester, als man das vom restlichen Muskelfleisch gewohnt ist. Es ist nicht das gleiche, das will ich gar nicht verkaufen, wofür auch – es ist etwas besonderes und ich finde es fantastisch. Zumindest versuchen sollte man es, das Herz ist sicherlich der einfachste Zugang zu den Wundern, die man mit Innereien noch erleben kann. Ich habe heute zwei Gerichte in Petto, die beide ziemlich schnell gehen und damit auch für den gestressten Menschen von Welt problemlos zu stemmen sind. Den Anfang machen die Gnocchi.

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Herzen brauchen natürlich etwas Liebe. Man nimmt sich also sein Pariermesser zur Hand und entfernt alles, was nach Sehnen oder Bindegewebe aussieht. Dann wird das Fleisch (ich habe das Gericht sowohl mit Herzen vom Schwein als auch vom Rind probiert, beides schmeckt klasse – etwa 150g pro Person) in Streifen geschnitten, wie man sie auch in einem Geschnetzelten finden würde und scharf in etwas Olivenöl angebraten. Hitze runterdrehen und p.P. eine halbe gehackte Zwiebel – in meinem Fall eine Schalotte – dazu geben und glasig dünsten. Hitze wieder aufdrehen und mit einem Schuss Rotwein ablöschen. Auf ein Drittel reduzieren, Schuss (ca. 75ml p.P.) Sahne und einen deutlich kleineren Schuss (~3EL) Tomatenpüree dazu geben. Ich habe noch einen halben TL Demiglace untergezogen, ein guter Ersatz wäre ein bisschen Fond – beides ist aber optional, das Fleisch bringt auch von sich aus kräftig Geschmack für die Sauce mit. Etwas gehackten Rosmarin und Thymian dazu geben. Reduzieren lassen. Wenn es in die Bereiche der gewünschten Sämigkeit kommt, Gnocchi ins kochende und gesalzene Pastawasser geben. Wenn sie oben schwimmen, mit etwas Pastawasser in die Pfanne geben. Salzen, pfeffern, Petersilie dazu und schwenken. Abschmecken. Dieses Gericht war so lecker, dass ich es drei mal nacheinander gemacht habe. Ich musste zwischendurch sogar losfahren und neues Fleisch kaufen…

Die letzten hundertundeinbisschen Gramm Rinderherz habe ich dann als Tatare zu Abend gegessen. Einfach wie hier beschrieben zubereitet – vom Geschmack her kaum anders als ein kräftiges Fleisch aus dem Roastbeef, aber von der Textur ein bisschen anders. Wird ebenfalls auf jeden Fall wiederholt.

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Framoise Boon Himbeerbier

Posted in ... weiter nichts als Bier on 13. März 2014 by Herr Grau

boonArt: Lambisches Bier mit echten Himbeeren, 5,5% Alkohol

Geschmack: Ein deutliches, reifes und sehr dunkles Himbeeraroma und die tiefrote Farbe lassen Assoziationen aufkommen und verheißen, dass man gleich einen Mund voll Himbeeren haben wird. Und tatsächlich will man das im ersten Moment des Antrunkes glauben: Wenig eher mittelgrobe Kohlensäure begleitet den Anfang einer Geschmacksentfaltung wie beim Biss in Himbeeren – nur, um dann jede Süße vermissen zu lassen und einfach nur sehr sauer zu werden. Die Nackenhaare stellen sich auf. Es ist eine Säure, die man von einem etwas zu gut gemeinten Rieslingsekt erwarten würde, nicht die kontrollierte und sanfte Fruchtsäure von etwas zu wenig reifen Himbeeren. Es bleibt ein entschieden weinig-sektiger Nachgeschmack im Mund, nachdem der Fruchtgeschmack sich nach recht kurzer Zeit verloren hat, den ich als unangenehm empfinde.

Flasche: Ganz hübsch und wie die meisten Sauerbiere eine Sektflasche, die auf Flaschengärung hinweist.

Preis: 6,49€ für 375ml .. leck mich wo ich schön bin! Das ist en par mit richtig teuren Sekten.

Gesamt: Wenn man Sekt trinken will, dann kann man das doch einfach tun. Das Konzept des Sauerbiers hat mich immer schon tief verstört, aber in diesem Fall ist es ganz besonders enttäuschend. Und die Belgier begreifen vor allem einfach nicht, dass man nicht alles bis auf den Arsch durchgären muss, scheint mir, jedes Bier braucht eine Ausgewogenheit in sich. Ich gehe davon aus, dass auf eine ordentliche Dosage vollständig und schändlich verzichtet wurde. Ein bisschen Süße und dieses Bier hätte etwas ganz besonderes sein können. So schmeckt es einfach wie ein deutlich zu saurer Sekt mit Himbeer-Geschmack. Pfäh. Dieses Erlebnis lässt sich mit einer halb so teuren Flasche Sekt und etwas Himbeersirup meines Erachtens deutlich besser haben.

Musik & Melodey #2 – Ray LaMontagne

Posted in Musik & Melodey on 1. März 2014 by Herr Grau

Er ist ein ehemliger Arbeiter aus einer Schuhfabrik, er hasst Aufmerksamkeit, Interviews und sogar Konzerte, teilweise spielt er sie hinter einem Vorhang oder vom Publikum abgewandt. Als seine Frau nach einer langen Tour seine geliebte Gitarre zerschlägt, ordnet er seine Prioritäten neu und lehnt für Jahre weiteres Touren ab. Nach allen Regeln der Kunst sollte Ray LaMontagne schon lange, laaange von der Bildfläche wieder verschwunden sein, hat das heutige Business doch wenig Geduld für PR-unwirksame, geschäftsschädigende Marotten von Künstlern – selbst wenn es sich um etablierte Stars handelt. Und der gute Mann ist mitnichten einer. Genau genommen hätte er also keine fünf Minuten überleben dürfen. Aber irgendwie – wie?! – ist Ray LaMontagne SO gut, dass es keiner übers Herz bringt, ihn fallen zu lassen. Wenn man seine Crazy-Version hört, mit der er es in die Herzen eines breiteren Publikums geschafft hat, schwant einem, wo der Ziegenbock den Honig haben könnte: Wenige haben derartig Gefühl, niemand so eine Stimme. Ja, er bedient ein abgestecktes emotionales Feld. Und ja, es ist auch nur eine Handvoll seiner Lieder wirklich genial. Man will ihn sicherlich nicht immer hören – aber in dem, was er tut, könnte er The One sein. Und das gibt es doch ausgemacht selten. Also, Ohren gespitzt.

Das berühmte Cover von Gnarls Barkleys ‚Crazy‘:

Von seinem ersten, noch privat verlegten Album ‚Acre Of Land‘ stammt dieser herrliche Streifen mit dem Namen ‚Still can’t feel the Gin‘:

Ich habe lange mit mir gehadert, ob hier die Live- oder die Studio-Version stehen soll. Dass ‚Empty‘ einer der traurigsten Tracks aller Zeiten ist, stelle ich nicht mal zur Debatte.

Und wem das Ganze gefällt, der kann ein sehr gut aufgenommenes Konzert aus den BBC FOUR Sessions hier finden (aus dem die gerade gezeigte Version von ‚Empty‘ nebenbei auch stammt):

Geld gegen Essen – Boccadoro (Göttingen)

Posted in Geld gegen Essen - Restaurantnörgeleien on 24. Februar 2014 by Herr Grau

(aus Übersichtsgründen vorgezogenes) Prädikat: Wunderbar

boccadoroBis jetzt war die Szene der italienischen Restaurants in Göttingen schlicht und einfach ziemlich bemitleidenswert. Ein paar Klischeeitaliener gibt es, einige sind ganz erträglich, aber im Endeffekt mussten sich alle sogar vom Vapiano ausstechen lassen. Das ist hat jetzt zum Glück ein Ende.

Dario Ciniglio ist gerade mal 23 Jahre alt, aber er kann kochen. Er hat seine Ausbildung im Gauss bei Jaquelin Amirfallah gemacht, dem einzigen Restaurant in Göttingen, das wenigstens irgendwann mal einen Stern hatte. Trotz seines jungen Alters hat Dario das Risiko auf sich genommen und mit viel Geld in den Räumen des alten Cartoons am Albanikirchplatz eine schön und hell eingerichtete, kleine Trattoria eröffnet. Während der Sohn hinten kocht, macht Vatter Salvatore vorne den Service und er schafft es dabei, freundlichen italienischen Charme zu versprühen ohne kitschig zu wirken. Punkte für Klasse rundum. Die Atmosphäre ist gelassen und unaufregt, aber durchaus mit einem gewissen Standard, der sich nicht aufdrängen muss. Einige Sachen verstehen sich einfach – ordentliche Gläser, schöne Teller, sauberes weißes Leinen. Der Service ist durchgehend flott, freundlich und flexibel. Das Essen kommt schnell und ist ohne Ausnahme von durchgehend sehr guter Qualität. Das Rad wird hier bestimmt nicht neu erfunden, stattdessen gibt es einfache, gute Dinge makellos ausgeführt – mir persönlich deutlich lieber als an ihrem Anspruch krepierende Prätention. Eine ordentliche Weinauswahl komplimentiert das Menü.

Alles, was man im Endeffekt sagen muss, ist, dass ich in den letzten drei Wochen seit meiner Entdeckung des Restaurants inzwischen vier mal da gewesen bin und alle meine Freunde schon dorthin geschlört habe. Ehrlich, persönlich, angenehm, charmant und qualitativ hochwertig – was will man mehr?

Wertung:
Essen: 9,5 /10
Service: 9,5 /10
Sauberkeit: 10 /10
Preisgestaltung: 8 /10
Ambiente: 9 /10

Gesamtergebnis: 5 von 5 Vanilleeiskugeln mit Senf und Gürkchen

Restaurant Boccadoro
Albanikirchhof 5-6
37073 Göttingen
Telefon: 0551-79778545

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 12 – 15Uhr und 18 – 22Uhr, Sonntag 18 – 22Uhr

Braufactum Colonia

Posted in ... weiter nichts als Bier on 22. Februar 2014 by Herr Grau

IMAG1267Weiter geht es im Braufactum-Programm. Dieses mal wenden wir uns dem „Colonia“ zu, einem Bier, das ich zuerst für ein Kölsch hielt (entsprechende Ressentiments natürlich schon scharf gemacht) – schuldhaft fälschlich, wie sich gleich rausstellen wird.

Art: Bitterbier, 5,5% Alkohol

Geschmack: 8,5 Punkte
Schaum fällt zügig zusammen. Blume von leichter Herbe. Antrunk fruchtig mit leichter Süße, dann mittelkräftiger Hopfen, der schnell sein Maximum erreicht, dann aber auch recht flott wieder verschwindet. Feinperlige, sauber dosierte Kohlensäure, die lang heraus reicht. Insgesamt ein sehr süffiges und spritziges Bier, das man ernorm gut trinken kann, ohne dass es je wässerigen Charakter entwickeln würde.

Preis: 1 Punkt
Nichts Neues. Mit 2,49€ pro 0,355l-Flasche zwar mit das günstigste Bier im Braufactum-Programm, aber immer noch deutlich zu teuer.

Flasche: 8 Punkte
Die Damen und Herren bei Braufactum haben definitiv Sinn für schlichtes, modernes Design. Zeitlos? Nicht. Aber passend.

Gesamt: 8 Punkte
Was soll ich sagen, ich habe diesem Bier unrecht getan. Ich dachte, es sei ein Kölsch .. der Name, zugegebenermaßen, suggieriert das stark. In Wirklichkeit ist es einem Lager vom Charakter deutlich ähnlicher. Es soll ein „rheinisches Bitterbier“ sein, also das Nachfühlen eines Kölsch-Urahns. Der Name „Bitterbier“ und die Ankündigung seitens des Hersteller, dass es äußerst bitter sei, liegen aber neben der Realität, da es nicht übermäßig stark, sondern sehr ausgewogen gehopft ist. Es bringt eben das mit, was Kölsch traditionell immer fehlt: Charakter. Insgesamt muss man sagen, dass der Preis eine Schande ist, da ich stark positiv überrascht bin und das Bier eigentlich gerne häufiger getrunken hätte.

Braufactum Firestone Pale 31

Posted in ... weiter nichts als Bier on 13. Februar 2014 by Herr Grau

IMAG1265rezDer Strom an Fahl-Bieren von Braufactum reißt nicht ab. Insgesamt ist das die dritte Ausfertigung dieser Gattung, die mir unter dem Premium-Bier-Label unter die Finger gekommen ist. Wieder mal ein Importbier aus Amerika, dieses mal allerdings aus dem fruchtbaren Californien, das sich ja bekanntermaßen ein sehr ähnliches Klimat mit dem Mittelmeerraum teilt. Dann mal Antrunk.

Art: Pale Ale, 4,9%

Geschmack: 7,5 Punkte
Krone fällt schnell zusammen, hinterlässt aber eine leichte, sich haltende Schaumdecke. Blume mit Holundernoten, aber primär einer deutlichen Wacholderdominanz. You had my curiosity, now you have my attention. Antrunk mit schnell abebbender, sehr feinperliger Kohlensäure und sofort einsetzendem, kräftigen Hopfen, dessen intensiver Peak relativ schnell wieder abflacht, dann aber unterschwellig erstaunlich lange im Mund verbleibt, dabei im Geschmack aber so gut wie nicht unangenehm wird. Die vom Hopfen stammende Wacholdernote schwebt etwas nach, lustige Sache. Untermauert ist das ganze von einer unterschwelligen Süße, die die Herbe zwar nicht ausbalanciert, aber dennoch immerhin kontrapunktiert. Insgesamt ergibt sich der Eindruck eines recht substanziellen Biers für ein Ale.

Preis:  1 Punkt
Bei 2,99€ die 0,355L-Flasche kommt natürlich wieder ohrenbetäubendes Stöhnen auf. Das ist man ja bei Braufactum gewohnt, schließlich ist das ihr designiertes Geschäftsmodell.

Flasche: 7 Punkte
Das Stubbelchen ist nicht hässlich, aber auch nicht ausgemacht hübsch.

Gesamt: 7 Punkte
Ich finde das Bier schon amüsant, das kann man nicht anders sagen. Für jeden Tag ist es sicherlich nichts, nicht nur des Preises wegen, sondern allein auch, weil ich gerne meinen Wacholder getrennt von meinem Bier zu mir nehme.

Braufactum Brooklyn Lager

Posted in ... weiter nichts als Bier on 6. Februar 2014 by Herr Grau

IMAG1262Ein weiteres Bier aus dem hier bei dem Schwesterbier aus gleichem Hause besprochenen Braufactum-Sortiment. Es kommt aus Brooklyn (steckt ja schon im Namen, gell?..) und ist natürlich einmal mehr sehr teuer. Was, also, kann diese Varietät?

Art: „Amber Lager“, 5,0% Alkohol

Geschmack: 8 Punkte
Mittelmäßige Blume, leichter Bernsteinton. Dezenter Holundergeruch. Feinperlige, recht langgezogene, angenehme Kohlensäure, dann eine leichte, körperliche Süße, die relativ schnell von einem dann ansteigenden Hopfen umfangen und schließlich abgelöst wird. Der Hopfen ist deutlich, wird aber nie zu viel oder unangenehm im Geschmack, obwohl er sich durchaus etwas nach hinten auszieht. Die Hopfennoten nehmen deutlich das Holunderige der Nase auf. Nach hinten heraus leider geringgradiger alkoholischer Geschmack. Insgesamt bringt das Bier seine Kühle und Süffigkeit gut herüber.

Preis:  1 Punkt
Die 0,355L-Flasche kommt einmal mehr zu 2,99€. Das ist natürlich eine absehbare Katastrophe.

Flasche: 7 Punkte
Anders als die üblichen, wertigen Braufactum-Flaschen kommt dieses Bier in einer nicht unwertigen, aber irgendwie dahergelaufenen Flasche daher. Amerikanisch, ganz klar. Sieht aber durch das dunkle Grün einen Deut besser aus als die vom Pale Ale.

Fazit:  7,5 Punkte
Im Gegensatz zu seinem Geschwisterchen, dem Pale Ale, aus gleichem Hause ist hier der Hopfen vernünftig ausbalanciert. Das macht das G’söff direkt anderthalb Saarland (offizielle IS-Einheit) schmackhafter. Insgesamt ist das durchaus ein Bier, was ich absolut in die engere Wahl regelmäßig getrunkener Cervisiate nehmen würde. Würde es nicht auf den Kopp vierzehn mal so viel kosten wie Paderborner. Und ich Holunder mögen würde. Trotzdem: Immerhin keine völlige Bauchlandung.

Eine kulinarische Reise durch .. Höxter

Posted in Geld gegen Essen - Restaurantnörgeleien on 2. Februar 2014 by Herr Grau

Okay, vielleicht sollte man einfach nicht versuchen, in einer ostwestfälischen Kleinstadt essen zu gehen. Scho recht. Aber wenn man dort eben zum Arbeitsdienst abgestellt ist und in einem Zimmer ohne mit modernen Messmethoden feststellbaren Kochmöglichkeiten einquartiert ist, so sieht man sich in offenkundiger Not. Es ist nämlich so, dass man oben Essen einfüllen muss, gleich der Umstände. Die Krankenhauskantine bot zwar ein Assortment von mindestens zwei frittierten Speisen, aber auf Dauer treibt es einen dann doch in die wartenden Arme der ansässigen Gastronomen. Als guter Deutscher suchte ich natürlich auf allen einschlägigen Internet-Portalen Kritiken heraus. Soweit nicht anders angegeben, haben irgendwie alle Restaurants der heutigen Zeit fünf Sterne. Gefühlt sogar mehr. Wie es um diese Bewertungen steht?
Zur Sache also, auf dass ein für alle mal geklärt sei, warum Ostwestfalen von der kulinarischen Landkarte gestrichen werden darf.

Pizzarella, Obere Mauerstraße 9
Die Kritiken waren wirklich vielversprechend. „Super“ sei’s bei „dem Olli“, da könne „jeder Italiener einpacken“. Ich stand noch am Anfang meiner Reise und suchte den Laden mit einer gewissen freudigen Erwartung auf. Ich mag Pizza, wer dieses Blog auch nur ein bisschen liest, weiß das. Okay, ich bin obesessiv – schuldig. Und mit „netter, einzelner, liebevoller Pizzabäcker“, „schöner Fachwerkbau“ und „Holzofen“ waren bei mir alle wichtigen Worte gefallen, um die Hormone in Wallung zu bringen. Entsprechend war die Erwartungshaltung: Was kann bei so einer Konstellation schon schief gehen! Naja .. alles, wie sich rausstellen sollte.
Gutes zuerst: Der Laden ist wirklich wunderschön, der Besitzer (es ist wirklich eine One Man Operation, normalerweise kriegt man dafür von mir schon die Gloria gesungen) ist freundlich, es brennt ein hübscher Holzofen. Aber .. meine Augen täuschen mich doch nicht? Unter 250° zeigt das Thermometer. Und: Was bei Zeus mächtigen Bart reitet bitte diesen Täter, Vollkornpizza zu servieren? Weiß .. weiß der denn nicht, dass das nicht funktioniert? Nicht funktionieren kann?! Ein böse Ahnung beschleicht mich, aber da ich schon bestellt habe, beschließe ich, dem Schicksal eine Chance zu geben. Wie erwartet braucht die Pizza fast 20 Minuten und ist dann völlig vertrocknet. Der Vollkornteig ist ein kompakter Keks, denn der Mangel an Gluten macht es unmöglich, damit luftige Böden hinzukriegen. Backen 1-0-1, das. Dass der Schinken kleingeschnittene Pressware ist, macht die Sache nicht unbedingt besser. Wie gesagt: Der Fall ist ob meiner Erwartungen besonders tief, ich war den Tränen nah. Abschließende Gedanken: Naja, immerhin das Bier ist gut (König Ludwig). Kann der rurale Fale eben nicht Pizza backen. Hätte man auch eher drauf kommen können.

Pizzeria La Casa, Am Markt 5
Okay, wenn es der Ostwestfale nicht kann, vielleicht der universell gut bewertete Italiener in der Innenstadt? Ich komme an und ein rappelvoller Laden verspricht, dass es hier etwas zu haben hat. Ich mach das mal kurz: Imbisspizza. Metro-Teiglinge in Schwarzblech mit überwürzter Tomatensauce und Gouda. Ich wollte schreien. Wenn der Allemanne das Wie nicht weiß, aus reiner Ignoranz, dem schieren genetischen Unvermögen, dann ist das eine Sache. Aber eine italienische Familie, die sowas tut, DIE tut das wissend. Keine Entschuldigung, keine Gnade. Sprengen, den Laden.

Restaurant Lion, Stummrigestraße 14
Mein Mut, noch einmal italienisch zu probieren, lag wimmernd am Boden (und die einzige Pizzeria, die ich noch zu probieren gewillt gewesen wäre, das „dell’Arte“, hatte Betriebsferien). Es musste also was anderes her. Warum nicht einmal kräftige Halse und ab in die Richtung .. Thailändisch / Indisch?.. Wenn sowas dran steht, warum drehe ich eigentlich nicht auf dem Absatz um und mache was anderes, sinnvolleres? Dachrinne sauber, beispielsweise? Es muss der Zwölfstundentag gewesen sein, der mir derartig das Hirn vernebelt hatte, dass ich mich an einem Montag (von allen Tagen!) dort einfand. Ich war vorerst der einzige Gast. Auch das gibt zu denken, aber ich bestelle trotzdem mutig ein Lammcurry. Die Gewissheit über das, was sich demnächst im meinem Leben zutragen wird, habe ich, als kurz nach dem Verschwinden des Kellners lautstark eine Mikrowelle angeht. Es gesellt sich noch ein Lehrerehepaar in den Speisesaal und macht leider das Dach auf. Es purzeln also fröhlich axtmordbefördernde Dummheiten durch den Raum, während ich auf mein s.g. „Essen“ warte. Die kurz nach dem verräterischen „Ding“ des Wellenherds aufgetragene Schale enthält etwas grob Rotbraunes mit irgendwie Fleisch. Schmeckt ambulant nach gar nichts, alles. Der einzige Grund, warum ich unverzogener Miene die 14€ für Speis wie Trank löhne, ist die grimme Gewissheit, dass die bei Crôm verfluchten Lehrerersatzextraktdarsteller das gleiche werden über sich ergehen lassen müssen. Das „Ding“ verrät’s.

Dynastie, An der Kilianikirche 12
Was also tun, beim Schöpfer, dem allmächtigen und schelmisch auf mich grinsenden? Asiatisch. Das geht immer. Ich habe natürlich mal wieder die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das Buffet, in dessen Richtung wir rüde gedrängt werden, sieht mit seinen fahl beleuchteten Warmhaltetheken und dem darin vor sich hinschwitzenden Pamps so unappetitlich aus, dass wir ála Carte bestellen. Das Essen ist zwar irgendwie .. essbar, aber nichts, worüber man ein Wort verlieren würde. Und dass die Bedienung wirklich ausgemacht schlecht und unfreundlich ist, versteht sich ja fast von selbst. Das gehört in Ostwestfalen so.

Ritmo, Weserstraße 11
Von meinem Oberarzt bekam ich die Empfehlung, mir mal das Ritmo anzuschauen. Dort solle man angeblich Tapas bekommen und außerdem sei es da schön. Dieses selbstbehauptete „andalusische Restaurant“ findet sich im Ratskeller. Höxter hat eine Menge traumhafter Altbauten und dieser Gewölbekeller ist sicherlich eine der Kronen. Und wie immer, wenn es ein Stück wundervolle, altdeutsche Architektur gibt, kommt irgendeine Arschgeige und stellt Palmen und kitschige pseudospanische Kunstsurrogate rein. Und verkauft dann da zu überteuerten Preisen tapa-ähnliche Dinge. Okay, der Service ist nicht schlecht. Und dass Tapas nicht wie in Andalusien umsonst sind, daran hat man sich ja auch schon gewöhnt. Hier darf man sich denn aber für reichlich, reichlich Schotter diverse, supereinfache und deutlich zu sauer angemachte Bohnen oder Sardinen oder diverse frittierte Kleinigkeiten aussuchen. Wir hatten auch noch den schlechten Sinn, eine Paella zu bestellen, die mit „pampige Reispfanne ohne nennenswerten Geschmack“ recht vollständig beschrieben ist. Hab ich erwähnt, dass es sehr teuer ist?…

Strullenkrug, Hennekenstr. 10
Wat, also, fragt man sich, kann der Ostwestfale? Doch wohl gutbürgerlich wenigstens? Ein Schnitzel über das heiße Fett feuern, ist das wohl schaffbar? Ich nehme an einem sehr sonnigen, äußerst wohlfeilen Spätnachmittag im Biergarten Platz. Es ist sehr gut besucht und sehr schön. Die Resignation in meinem Magen getraut sich sogar einen vorsichtigen Schritt zurück. Ja, Schnitzel, Kroketten, Rahmsauce. Alles frittieren außer die Sauce, bitte, und ausreichend. Den Aufpreis für Kalbsfleisch nehme ich auf mich, ich will es wissen. Es dauert schon etwas, dann kommt es meiner Wege. Das Schnitzel ist zu klein und dick, aber noch in Ordnung. Die Sauce ist zu wenig, aber noch in Ordnung. Die Kroketten sehen sehr gut aus. Ich genieße die Sonne und das Treiben und esse mit einstudiertem Gleichmut mein Schnitzel. Unter meinen Erwartungen, deutlich unter meinem Standard, aber für Höxter ziemlich gut! Das ist auch der Grund, warum ich dort ein zweites mal mit Freunden einkehre – schiere Alternativenlosigkeit. Dabei muss ich leider das Buffet unter meine Augen nehmen, bei dem es mir einmal mehr ein bisschen anders wird. Die Bestellung des Bekannten und Erprobten bringt oben genanntes Mahl, diesmal aber sans ausreichend frittierte Kroketten. Was soll ich dazu noch sagen?

Höxter ist eine erstaunlich schöne Stadt. Dieser gesamte Bereich Deutschlands scheint auf Grund von durchschlagender Bedeutungslosigkeit völlig vom Krieg verschont worden zu sein. Entsprechend ist jedes zweite Haus in der Innenstadt richtigerweise denkmalgeschützt. Leider kann man offensichtlich einfach nicht essen gehen. Die örtlichen Restaurantbesitzer nudeln mit einer Boshaftigkeit nicht wenig ähnlich sehenden Determination furchtbarsten Fraß in die das Procedre scheinbar großartig findenden Höxteraner, dass es nur so schallt und johlt. Entsprechend darf ich dann wohl doch dankbar sein, dass mein Aufenthalt zeitlich befristet war und schließlich zu einem glücklichen und verdienten Ende kam, bevor die oben umrissene Realität meiner Existenz ein ebensolches bereiten konnte.

Braufactum Brooklyn East India Pale Ale

Posted in ... weiter nichts als Bier on 30. Januar 2014 by Herr Grau

IMAG1255Die über ein mit Ausnahme der Flagschiffe Jever und Radeberger ziemlich grausames Bierprogramm verfügende Radeberger-Gruppe (u.A. verantwortlich für Brinkhoffs, DAB, Dortmunder Union, Hansa, Kronen und Wicküler…) hat vor etwa vier Jahren das getan, was die Kollegen aus Amerika schon seit geraumer Zeit vormachen und den echten Premiumsektor des Biermarktes unter dem Label „Braufactum“ zu erschließen begonnen. Heißt: Bier teilweise weit aufwärts der 2,50€ (das auch nur für das Köllsch…) pro Flasche. Inzwischen geht es bis 36€ pro Edel-Bouteille. Das ist schon nen Wort, das. Bleibt die Frage, ob das Zeug auch tatsächlich was kann, also zumindest wenigstens im Entferntesten einen Gegenwert liefert, oder ob hier sehr unspektakulantes Geseih in feines Glas verkorkt wird. Da mich ein Freund anlässlich der Jährung meines körperlichen Verfalls in Besitz einer Probierkiste aus dem Braufactum-Programm gesetzt hat, werde ich hier testen, was ich bekommen habe. Den Anfang macht das East Indian Pale Ale aus Brookyln. Ja, die importieren Bier aus Amerika nach Deutschland. Das ist bestimmt die richtige Richtung.

Art: Pale Ale, 6,9% Alkohol

Geschmack: 6,5 Punkte
Kaum Schaum. Blume kräftig nach Holunderblüten, ein Hauch Hibiskus und Molasse. Mittelperlige, kräftige Kohlensäure mit sofort präsentem, recht herbem Hopfen. Die nach dem Geruch und seinen offensichtlichen Assoziationen erwartete Süße sucht man vergebens. Die Herbe zieht sich relativ lang aus und es prickelt auch erstaunlich lange nach. Insgesamt ist der Hopfen und zunehmend auch ein schmeckbarer Alkohol besonders hinten heraus zu kräftig, was dem eigentlich süffigen, unkernigen Charakter des Biers etwas entgegen läuft.

Preis:  1 Punkt
Tja, Mädels. Die 0,355L-Flasche kommt zu 2,99€. Das ist natürlich eine absehbare Katastrophe.

Flasche: 6,5 Punkte
Anders als die üblichen, wertigen Braufactum-Flaschen kommt dieses Bier in einer nicht unwertigen, aber irgendwie dahergelaufenen Flasche daher. Amerikanisch, ganz klar.

Fazit:  6 Punkte
Abseits des Kuriositätencharakters ein mittelmäßiges Bier mit einer verbesserungswürdigen Balance, wenn man den Geruch von Holunder mag. Was bei mir nicht der Fall ist, aber das wollen wir mal nicht zu stark in die Wertung einfließen lassen. Ich glaube, dass das stark holunderblütenlastige Aroma eher Damen anziehen würde, die dann aber von der äußerst kräftigen Hopfung eher abgeschreckt sein dürften. Ich persönlich kenne zumindest wenig Leute, die gerne Hugo UND Jever trinken. Mir persönlich wäre mehr als eines schon fast zu viel – zusammen mit dem Preis sehe ich also wenig Platz und damit Licht für dieses Bräu.

Musik & Melodey #1 – The Milk Carton Kids

Posted in Musik & Melodey on 10. Januar 2014 by Herr Grau

Wie sich das gehört, will ich diese taufrische Kategorie mal mit einem Paukenschlag eröffnen. Ein leiser zwar, aber er trägt und resoniert umso länger, das kann ich versprechen.

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Die als The Milk Carton Kids bekannt gewordenen Musiker Joey Ryan und Kenneth Pattengale haben sich mit diesem NPR Tiny Desk Concert ein monumentales Denkmal gesetzt: Man könnte die Lieder als melancholisch, sogar traurig bezeichnen, vorsichtig, tief und zerbrechlich, aber wie alle großen Musiker nehmen sie uns dorthin nicht mit, um sich selbst zu bemitleiden, sondern um zu zeigen, dass sich hier, in dieser baresten und ehrlichsten aller menschlichen Stimmungen, große Schönheit finden lässt und sogar eine unerwartete Lebensfreude. Es ist eben nicht nur größtes Handwerk – der gute Herr Pattengale demonstriert mal eben die beste Gitarrenbegleitung, die ich in meinem gesamten Leben überhaupt gesehen habe -, es ist eine der seltenen Darbietungen, die reine Magie sein müssen. Es ist so gut, dass es die Qualität einer eitel geheimen Sünde hat, etwas, das zu lange in dunklen Tiefen verschlossen in uns lag und an das wir alleine nicht zu reichen können scheinen, nach dem wir uns aber wieder und wieder sehnen.

Wie mit so gut wie allen Musikern, die solch ein nicht zu leugnendes Stück Menschengeschichte geschrieben haben, muss man allerdings leider feststellen, dass der Rest ihres Schaffens diese Höhen nicht mehr erreicht. Die Lieder-Auswahl von NPR ist einmal mehr mit sicherster Hand mitten ins Schwarze getroffen.

Tür absperren, Ruhe. Dann dieses: