Archive for the Essen & Trinken Category

Pasta al Ragú – das Manifest in Lederbindung

Posted in Essen & Trinken, smile and look alive on 8. August 2011 by Herr Grau

Il Ragú
oder: Was es mit der Bolognese auf sich hat

Wie lange ich die Arbeit an diesem Artikel schon vor mir hergeschoben habe, ist mit der der deutschen Sprache zur Verfügung stehenden Wortgewalt kaum zu beschreiben. Epische Werke erfordern manchmal epische Prokrastinationsmaßnahmen. Jetzt aber habe ich die ersten Buchstaben geschrieben und so sollen denn auch alle anderen folgen. Von fachkundiger Hand in der richtigen Reihenfolge zusammenkonzertiert auf diesen Seiten, die die Welt bedeuten. Alternativ auch nur jämmerlich und gerade eben Sinn ergebend. Zeigt sich wie immer erst beim Anwender. Ich bleibe – ebenfalls wie immer – ahnungslos, zu meinem eigenen Schutz.

Der die das Bolognese – der Allemanne brilliert wie stets mit einer weiten sprachlichen Interpretation zwischen Bollockneetze und Porlonjese – heißt in Italien nirgendwo so, außer in Touristenrestaurants, wo es auch Pommes und Bratwurst als Pizzabelag gibt und daher auch vor allen anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht mehr zurück geschreckt wird. Und vielleicht Bolognia selbst. Man findet aber eigentlich das schlichte Wort „Ragú“ und allein der Wortstamm verrät uns schon etwas über die Natur. Das geschulte Ohr kommt vielleicht nach mehrstündiger Kontemplation in seinem bevorzugten Zen-Etablissement darauf, dass das ähnlich klingt wie Ragout. Fleischsauce. Der eiserne Kochlöffel der deutschen Hausfrau hat über die Jahre eine Transformation in „Tomatensauce mit Stückchen“ geschafft, die von der Realität der Sache doch sehr weit entfernt ist. Kein Wunder, dass ich mit rhythmischer Regelmäßigkeit Vegetarier anschreien muss, dass Tofu hier ganz besonders kein Ersatz für Fleisch sein kann. Dass von einer Fleischsauce ohne Fleisch nicht mehr viel übrig bleibt, als Pampe mit Textur, will gewusst sein. Dafür muss man natürlich erst mal eine vernünftige Variante gegessen haben. Was gar nicht so leicht ist.

Ich halte mich bewusst allgemein, denn es gibt nicht „das Original“. Überall in Italien wird das Ragú anders zubereitet, häufig vor allem davon abhängig, was die Region an Zutaten zu bieten hat. Wer jetzt keck ruft „Haha! Hager Lump! Warum die deutsche Variante nicht als eine weitere regionale Varietät akzeptieren?!“, den verweise ich freundlich zum Feldversuch. Ich argumentiere mit Geschmack und Gefühl, die Grundlagen jeder guten Polemik. Denn keine der bis jetzt in Italien gegessenen Varianten hätten mich fragen lassen, was das denn wieder Komiges ist: Der Italiener ist leidenschaftlich mit seinem Essen verbandelt und er versteht es. Der Deutsche popelt in der Marmelade.

Nachdem ich jetzt genug klimaxloses Vorspiel vom Stapel gelassen habe, um das Feuilleton der taz einen Monat lang zu füllen, soll’s jetzt endlich an die Materie gehen. Mein Rezept ist eine lose Interpretation mehrerer regionaler Varianten und folgt meiner Erinnerung an eine Eröffnung, die ich im zarten Jugendalter in Venetien zu genießen erlaubt war. Also. Man nehme.

Grundlagen: Soffritto

Der Begriff „Soffritto“ wird ziemlich oft falsch verstanden. Übersetzt heißt das ganze eigentlich nichts anderes, als „seicht braten“, also langsam anschwitzen. Man kann eine Soffritto aus fast jeder Grundlage machen, es muss keine Mire Poix, also Zwiebeln, Sellerie und Karotten, sein. Es verhält sich mit den beiden Begriffen ein bisschen wie mit Rechtecken und Quadraten: Eine Mire Poix ist immer eine Soffritto, aber eine Soffritto nicht immer eine Mire Poix. Nachdem jetzt jede leichte Unsicherheit beseitigt und umfänglich durch völlige Verwirrung ersetzt worden ist, kann ich in das wirbelnde Chaos des Lesergeistes jetzt einen Merksatz schreiben:
Jedes Ragú beginnt mit Zwiebeln, Karotten und Stangensellerie, die in irgendeiner Form zerkleinert auf kleiner Flamme vor sich hin dünsten.

Ich persönlich fahre den Sellerie gerne etwas zurück, da ich den Geschmack nicht in der ersten Reihe stehen haben möchte. Ich mag nämlich gar keinen Sellerie. Nicht zum letzten mal geben wir aber etwas in den Topf, das uns eiiiigentlich gar nicht behagt, das aber am Ende nicht fehlen darf.
Also: Eine große Zwiebel, eine bis zwei Karotten und eine Stange Sellerie in kleine Würfel hacken. In Olivenöl auf kleiner Flamme langsam schmurgeln lassen. Ich persönlich gebe kurz vor Ende noch fein gehackten Knoblauch dazu. Der ist optional und wird gerne lebhaft diskutiert. Derweilst…

Grundlagen: Das Fleisch

Man kann gar nicht überbetonen, wie wichtig das Fleisch in einer Fleischsauce ist. Mit einer Packung Hack ist es einfach nicht getan, so leid es mir tut.
Die vier Eckpfeiler sind: Pancetta, also italienischer Speck, Salsiccia fresca, was eine grobe italienische Bratwurst ist, Geflügelleber und ein viertes Fleisch, das näher benannt werden darf. Pancetta ist bescheuert zu bekommen in Deutschland, genauso wie Salsiccia. Bei letzterer kann man sich behelfen, indem man aus Schweinehack selbst ein Brät herstellt. Ein Rezept fand sich glücklicherweise noch im Hauptarchiv des KGB, auf das wir natürlich freien Zugriff haben:

Salsiccia Fresca nach Dr. Konstantin Ambrosewitsch Graukov:
Auf 500g fettes Schweinehack kommt eine fein gehackte Knoblauchzehe, eine gemahlene Nelke, ein halbes Bund gehackter Koriander, fünf zerstoßene Fenchelsamen, eine Messerspitze gemahlener Zimt, ein viertel TL gemahlene Senfkörner, 50ml Rotwein, sowie Salz, Pfeffer und fein gehackte Chili nach Geschmack.

Es ist wichtig, dass das Hack gewürzt ist, die Gewürze in die Sauce zu schmeißen hat nicht den selben Effekt.
Pancetta sollte auf keinen Fall durch deutschen Räucherspeck ersetzt werden. Wenn es denn überhaupt sein muss, luftgetrockneter Speck. Im Zeitalter des Internetversands empfiehlt es sich aber, sich einfach ein größeres Stück Pancetta auf Lager zu bestellen. Ich würde grob 150g gewürfelten Speck auf eine Zwiebel veranschlagen, 350g Salsiccia und 350g anderes Fleisch. Das sollte ich vielleicht jetzt schnell klären, nicht dass es sich stiefmütterlich behandelt fühlt. Es bietet sich Rind, Kalb oder Lamm an und man kann es gehackt dazu geben oder am Stück. Tut man letzteres, so muss man die ganze Chose recht lang kochen und dann das gekochte Fleisch hacken. Die Entscheidung muss jeder selbst treffen, es gibt einen deutlichen Unterschied, sowohl in Textur, als auch im Geschmack. Ich mache mal dies, mal das, je nach Laune. Ich tendiere aber zum vorher gehackten Fleisch, da sich so die Kochzeit doch deutlich verkürzt.
Die Geflügelleber ist zum Glück überall leicht zu bekommen. Man braucht nur sehr wenig, eine Leber gehackt tut es schon, sonst schmeckt das Ganze am Ende nach Leberwurst.

Die Pancetta wird in einer Pfanne ausgelassen. Jetzt muss man ein wenig kochen können, denn der Speck sollte nicht schwarzbraunkross werden, sondern .. wie Speck eben sein sollte: Leicht angebraten. Das restliche Fleisch dagegen sollte bei hoher Hitze anständig gebräunt werden. Wie man das anstellt, in Sache des Einzelnen. Man kann das Fleisch in einem kleinen bisschen Olivenöl anbraten und den Speck später dazu geben. Ich räume ihn nach dem Auslassen in eine Ecke meiner großen Pfanne und ziehe die Pfanne mit der Ecke vom Feuer. Die gehackte Leber kommt ganz zum Schluss dazu, sie sollte nur kurz ansautiert werden, sonst wird sie bitter.

Grundlagen: Auf dass nichts fehle

Alles schmurgelt, die Butze duftet himmlisch, die Soffritto ist weichgedünstet und nicht braun, der Knoblauch kam kurz vor Ende dazu und ist deshalb nicht bitter, die Pancetta ist nicht zu kross, das Fleisch gut gebräunt, kurz: Wir sind bester Dinge. Also zumindest halbwegs weniger unglücklich als sonst. Damit dieser Zustand jetzt nicht unerwartet flöten geht, muss es weiter gehen: Mit einer halben Flasche Rotwein – toskanisch, wenn es geht, erdig, kantig, charaktervoll, aber nicht zu sauer – löschen wir die Soffritto in unserem großen Topf ab. Eine Prise Zucker neutralisiert die Säure des Weins. Wir geben das Fleisch dazu, stellen die Pfanne auf volle Hitze und deglacieren sie mit eine weiteren Schwenk Wein. All die wunderbaren Bratrückstände wollen wir retten, da steckt Geschmäckschen drin. Schließlich ist alles in dem einen Topf und reduziert, das Feuer fleißig angeschürt. Wenn der Wein sich auf ein Drittel seiner ursprünglichen Menge zusammengefaltet hat, gibt’s Sahne – ein Becher reicht, zwei, wenn man mit seinem Reichtum und dem wohlfeilen Gedeihen seiner Kuhherde angeben will – und einen Schuss Tomatenpüree. Und wenn ich Schuss sage, dann meine ich das auch. Das Ragú enthält in vielen Regionen gar keine Tomaten. Ein paar für Untenrum sind schon eine nicht so falsche Idee, aber es soll keine Tomatensauce werden. 100ml plus minus tun ihren Dienst klaglos. Ein bisschen Wasser, vielleicht ein halber Liter, sorgt dafür, dass es nicht zu schnell zu dick wird. Wir stellen das ganze auf niedrigste Hitze und lassen es köcheln. Zwar predigen von Jamie Oliver über Holger Stromberg zu Gordon Ramsey viele große Namen, dass man die Sauce gar nicht „totkochen“ müsse, aber ein wenig Zeit auf dem Herd sollte man ihr einräumen, damit das Ganze schön ineinander kochen kann. Das Fleisch wird zart, die Geschmäcker runder. Irgendwann im Laufe des Kochens gebe man gehackte Chilis dazu. Mit Chili statt mit Pfeffer zu würzen bringt eine in meinen Augen unentbehrliche Dimension dazu. Man sollte natürlich ein vorsichtiges Auge sein Maß sein lassen: Chilis sind tückisch und die Sauce kocht noch ein. Gerne braucht die Schärfe etwas, um durchzuziehen, deshalb früh im Kochvorgang eine Grundlage legen. Italienische Pepperoncini sind ideal, da sie nicht zu scharf sind.

Jetzt ist das ganze Unterfangen nur noch eine Frage von Geduld und ein wenig Rühren. Gesalzen wird am Ende mit Vorsicht, der Speck sollte schon einen Großteil der Arbeit gemacht haben. Ganz kurz vor Ende geben wir noch gehackte Petersilie dazu. Apropos Ende…

Die Sauce sollte recht „trocken“ sein, ziemlich runtergekocht, sodass es einem so schon kaum mehr als Sauce erscheint. Man gebe die gewünschte Saucenmenge für die Pastaportion in eine Pfanne, erhitze sie und bringe sie mit dem Kochwasser der Nudeln zum Leben, idealerweise bringt der Fachmann die richtige Menge Wasser direkt mit den Nudeln in die Sauce. Wer sich das nicht traut (und bevor das ganze zu einer wässerigen Pampe wird), gießt die Nudeln gut ab, fängt das Wasser und adjustiert das Ganze dann vernünftig anhand des Tabellenstandardwerks in Fernleihe aus der nächsten Ingenieursbibliothek.

Traditionell wird diese Sauce übrigens selten mit Spaghetti serviert. Tagliatelle sind die Pasta der Wahl, wenn man den Leuten aus Bolognia glaubt. Ich persönlich mag von Zeit zu Zeit auch mal Penne.
Was man ebenfalls kaum oft genug sagen kann, ist, dass Nudeln fast in jedem Fall ein bis zwei Minuten weniger, als es die Packung anzeigt, gekocht und dann kurz in der Sauce zuende ziehen gelassen werden sollten.

Na schau, in diesen wenigen Worten habe ich die ragúschen Ställe ausgemistet. Kaum einen Fluss umgelenkt.

Update: Ich reiche Bilder vom fertigen Ragout nach, letztes mal hatte meine Kamera aufgegeben. Der Leser möge seine Aufmerksamkeit darauf lenken, wie wenig Flüssigkeit in der Sauce ist und wie viel Nudelwasser im zweiten Bild dazu gekommen ist, um die Nudeln darin und der Sauce zuende zu kochen und damit auch die ideale Sämigkeit der Sauce zu erreichen:

 

 

 

 

German Heaven – Das Schnitzel – Ein Gastvortrag

Posted in Essen & Trinken, German Heaven on 22. Juli 2011 by Herr Grau

Nur hier in Ihrem Lieblingsblog:
Wir bringen Weihnachten schon im Sommer. Denn das Wetter stimmt.
„WIE NUR?“, werden Sie rufen, „Hexerei! Okkulte Malefiction!“
Zu recht. Wir haben nämlich ein besonderes Geschenk:
Unser werter Leser bic_mac hat es auf sich genommen, als Gastdozent eines der wichtigsten kulinarischen Themen zu behandeln, das es überhaupt gibt:
Schnitzel, wiener, das.
Wien? Das klingt nach German Heaven!

Erklärende Einschübe wie gewohnt von unserem furchtlosen Mikrokoprolithologen und Universalfachspaziergänger Dr. A. Grau.
Jetzt aber erklingt es laut: Bühne frei!

Hier ist mein Schnitzelreport uncensored:

Ich fange mal am Anfang an. Der Einkauf. In BaWü wird es einem nicht leicht gemacht, alle notwendigen Zutaten zum Schnitzeln zu akquirieren. Da ich ja nun mal im Moment nicht dem entspannten Studentenleben frönen kann, sondern zum BIP beitragen muss, komme ich erst recht spät zum Einkaufen. Ist aber kein Problem, hat doch der Kaufland bis 24:00 Uhr geöffnet. Fortschrittlich, denkt sich da das westfälische Dorfkind in mir.
Nun wandel ich also durch die bunten Hallen und labe meine Augen an den dargebotenen Kostbarkeiten, während ich Artikel um Artikel in meinen Einkaufswagen lade. Doch dann der erste Schock: Gerade als ich am Weinregal einen netten Sizilianer für meine Sauce auserkoren habe, verdunkelt sich der Himmel. Ein mindestens acht Fuß großer und geschätzt sieben Stein schwerer Hüne mit dem Schriftzug „Security“ quer über seine Brust prangend schiebt sich in mein Sichtfeld. Er ermahnt mich, den vergorenen Traubensaft sofort und ohne Umschweife an seinen angestammten Regalplatz zurückzustellen, auf dass ich am Morgen des nächsten Tages wiederkomme. Auf die Frage nach dem Grund für dieses zum Lachen animierende Anliegen seinerseits hin wird mir verständnisvoll erklärt, dass in ganz Baden-Württemberg der abendliche Verkauf von Alkohol in Supermärkten und an Tankstellen verboten sei. Die Frage, ob ich jetzt mit meinem Topf Sauce in die nächste Disko rennen solle, um vernünftig zu kochen, wird ignoriert.

Aber ich denke mir, wegen einer fehlenden Zutat wird mein Vorhaben schon nicht scheitern, den Wein kann ich zur Not auch von meiner Mitbewohnerin stibitzen. Also weiter zur Fleischtheke für die Hauptzutat. Hier stellte sich mir nun nicht das föderale Rechtssystem in den Weg, sondern das BWL-optimierte Kauflandmanagement.
Man möchte doch meinen, dass wenn ein Lebensmittelgeschäft bis 24:00 Uhr öffnet, und damit auch noch aktiv wirbt, ich dort dann bis um 24:00 Uhr die gewünschten Waren beziehen kann. Nachdem ich allerdings nun schon feststellen musste, dass der Gesetzgeber die Auswahl massiv einschränkt, musste ich nun auch noch feststellen, dass auch Kaufland selbst diese Art der Gewinnminimierung betreibt. Die Fleischtheke wird nämlich um 22:00 Uhr auch geschlossen.

Also bin ich am nächsten Morgen wieder los, um Wein und Fleisch zu kaufen, eine in meinen Augen recht männliche Einkaufsliste. Noch ahnte ich nicht, dass der Kaufland noch eine Überraschung für mich im Ärmel hatte. Als ich die Fleischereifachverkäuferin nach einem guten Stück Schweinelachs fragte, schaute diese zunächst mich verständnislos, dann ihre Kollegin ratlos, und am Ende die Theke lustlos an, um mir dann, ohne auch nur den Hauch von Verständnis für die Lächerlichkeit ihrer Aussage, mitzuteilen: „Tut mir leid, Fleisch haben wir gar nicht.“ Nachdem ich den Lachanfall unterdrückt hatte, schaute ich auch mal die Fleischtheke rauf und runter und stellte fest, dass dort tatsächlich nur Brät im Saitling angeboten wird, jedoch kein strukturell integeres Stück Tier. „Fleisch“, oder was das Kauflandpersonal als solches (um-)etikettiert, gibt es nur in einer kleinen Kühltheke, fertig abgepackt. Auf die Frage, wie ich jetzt meine Schnitzel machen sollte, wurde ich auf die Tiefkühlabteilung verwiesen, dort gäbe es super tiefgefrorene Schnitzel („Mach ich auch immer, ist auch viel weniger Arbeit!“). Nie wurde mir die Motivation zu einem Amoklauf klarer.
Schlussendlich erstand ich mein Stück Tier dann nach 3 weiteren Versuchen bei echten Metzgern und auf dem Wochenmarkt bei einem Fleischdealer in der Ulmer Innenstadt. Merke: Samstag zur Mittagszeit ist keine gute Zeit, um auf große Auswahl und gute Qualität zu hoffen. Lesson learned.

Dr. Grau: Eine gute Stelle für einen Einschub, werden doch die ersten Zwischenrufer schon wieder laut proklamieren, dass in das Wien’sche Schnitzelum tote Jungkuh einbunden zu sein hat. Ja. Stimmt. Kalb hat leider den zweieinhalb bis dreifachen Preis von Schwein. Viele Leute haben bis heute noch nie in Eselsmilch gebadet und in vielen Haushalten will sich auch der Krügerrand nicht als normaler Bodenbelag durchsetzen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass ein Blindtest ergeben hat, dass die Unterscheidbarkeit von Kalb und Schwein immer weiter abnimmt, je kleiner man die Tiere schneidet. Meine Fakultät, das Kaiserliche Institut für Meisterküche zu Pirmasenz, empfiehlt daher guten Gewissens:
Guter Schweinelachs vom Metzger des Vertrauens statt billiges Kalbsfleisch.

Wer natürlich hat, der hat – und der soll natürlich! Und, bei Crôm, das auch mit jedem nur erdenklichen Segen, den das Große Buch so vorsieht.

Nun kann ich endlich loskochen. Hier gehe ich nun chronologisch vor, um mein optimales Zeitmanagement zu verdeutlichen:
Zunächst mal die Kartoffeln für die Kroketten aufsetzen. Nach dem Abkühlen der selbigen dann das übliche Stampf- und Verfeinerungsspiel mit Eigelb, flüssiger Butter, Salz, Pfeffer, Kartoffelstärke und Muskat (Anm. d. Red.: Der gute Mann bezieht sich auf dieses Rezept). Es folgt das Formen und das Panieren. Ich glaube, bei keinem Gericht steht die Vorbereitungszeit in solcher Disproportionalität zur Wertschätzung des Endproduktes durch Dritte.
Dann das Stück Fleisch nach den Vorgaben* zu 300g starken Scheiben zerteilen. Ein schöner Schmetterlingsschnitt lässt wahre Euphorie aufkommen. Das Panieren der geklopften Scheiben (bei mir aufgrund Hammermangels mit einer leeren Flasche Sekt – hab ja beim Bund gelernt, zu improvisieren) ist ja auch so ein Ding: Die schiere Größe der Fleischlappen verlangt nach einem äußert umsichtigen Vorgehen, weshalb ich meiner Mitbewohnerin kurzzeitig Küchenverbot erteilen musste.

Dr. Grau: Die vom Autor zitierten Vorgaben beziehen sich auf die VDE-Norm 0390, Teil 14. Die auf einer Arbeitsgruppenvorschrift der Experimentalforschungsgruppe Prof. Brausefrosch et. al., 1972, Kopenhagen, basierende Arbeitsnorm verlangt ein Hammern der zuvor auf das gewünschte Gewicht zugeschnittenen (300g ist etwa die Grenze, an der der Übergang vom einfachen in den Schmetterlingsschnitt obligat wird) Schnitzel auf 4mm Dünne, die danach gesalzen, gepfeffert, in Mehl gewendet, dann erst in Ei, danach in frischen Semmelbröseln paniert und schließlich in einer ausreichenden Menge rauchend heißen Fetts möglichst nicht mehr als 20 Sekunden lang ausgebacken werden, auf dass sie goldenbraune Knusprigkeit (RAL 2000) erreichen.

Während das Öl aufheizt, hab ich schon mal die Sauce aufgesetzt und ließ den Rotwein einreduzieren. Hier auch wieder eine Anmerkung: Wer keinen Wert auf Rosmarinblätter in seiner Sauce legt, ist hier fehl am Platz, der Zweig löst sich nämlich auf. War meiner Mitbewohnerin nicht klar, sie trieb mich mit ihrer Suche nach den einzelnen Blättern fast in den Wahnsinn. Anstatt einfach zu essen, hat die das ganze Gericht seziert. Schrecklich! Hab ich nur überlebt, weil ich mir die andere Hälfte des Rotweins für die Sauce selber schon mal reingekloppt habe.

Dr. Grau: Die von einem Exil-Meistersoupier aus dem goldenen Hummer, der anonym bleiben möchte, empfohlene Sauce zu Schnitzeln ist und bleibt die Rotwein-Champignon-Rahmsauce nach folgendem Rezept (reicht für zwei Hungernde):
Eine mittelgroße Zwiebel fein würfeln und mit einer Prise Zucker in Olivenöl bei mittlerer Hitze andünsten. 6-8 Champignons in Scheiben schneiden und mitdünsten. Etwa ein bis zwei Minuten vor Ende ist eine gehackte Knoblauchzehe optionalerweise dazuzugeben. Mit 300ml Rotwein ablöschen, auf 1/3 einreduzieren lassen, zwei Becher Sahne und einen ganzen Rosmarinzweig (Alternativ eine Menge Rosmarin aus der Dose) zugeben. Köcheln lassen, bis die gewünschte Sämigkeit erreicht ist, salzen, pfeffern. Eventueller Säureexzess durch sehr sauren Rotwein mit Zucker korrigieren.

Das eigentliche Kochen von Schnitzel wie Kroketten ist ja so schnell, wie einfach, und am Ende steht man dann hiermit da:

So jetzt hab ich dann auch genug Arbeitszeit vergeudet und tue mal wieder so, als wäre ich wichtiger Bestandteil der Ökonomie.

Das Haus dankt für diesen überfälligen und wunderbaren Beitrag und sendet seine guten Wünsche gen Süden. Kerzen stehen in Fenstern, guter Herr. Jeden Abend.

Anchoïade façon maison

Posted in Essen & Trinken on 19. Juli 2011 by Herr Grau

Ich fühle mich immer so mutig, wenn ich Titel benutze, von denen ich keine Ahnung habe, ob sie stimmen. Und weil es ja in diesem Blog um nichts geht, als dass ich mich irgendwie gut fühle, muss der geehrte Leser jetzt das hochgejazzte Juppiegebabbel ertragen, das jede Art von französischer Essensbezeichnung für meine Ohren automatisch ist. Eine wunderbare Möglichkeit, mir Unangenehmem noch etwas Positives abzugewinnen.

Anchoïade ist eine Erfindung der Provence. Da, wo französische und italienische Küche kollidieren, wird viel mit Oliven und ihrem Öl, Kapern, Anchovis und Knoblauch gekocht – und diese Nähe zur italienischen Küche ist das, was das ganze für mich so herrlich vertraut und unkompliziert macht.
Wie viele ursprüngliche Arme-Leute-Essen hat auch dieses eine breite Zahl von Freunden gefunden und in seiner Heimatregion hat fast jede Hausherrin ein eigenes Geheimrezept. Ich gehöre dazu. Also zu den Freunden, nicht zu den provencialischen Hausfrauen. Und weil alle wirklich begeistert waren, gibt es jetzt hier eine epische Abhandlung darüber.

Im Grundsatz handelt es sich um Knoblauch, der mit Anchovis zerstoßen oder zerhackt und dann mit Olivenöl und Rotweinessig aufgeschlagen wird. Eventuell ebenfalls enthalten sind Kapern und Oliven. Wie gesagt, jeder hat sein eigenes Rezept. Die klassische Variante war mir persönlich zu stark, Salz und Knoblauch nahmen keine Gefangenen. Ich habe also ein Eigelb genommen, ein wenig Essig und habe angefangen, daraus mit Olivenöl eine Mayonnaise zu schlagen. Nach und nach habe ich dann meine Grundmasse aus 80g gehackten Sardellen, einer großen Zehe gehacktem Knoblauch, etlichen EL Öl und ein wenig Essig und Pfeffer darin eingearbeitet. Am Ende habe ich etwa die Hälfte Rapsöl benutzt, weil das Olivenöl sehr stark geschmeckt hat.

Zum Thema „Hestellung von Mayonnaise“ hören wir nun unseren beliebten und von der Leserschaft frenetisch zum Wiederauftauchen aufgeforderten Gastdozenten vom Internationalen Zentrum für Tropenvertikulationstechnik der Universität Gempelshagen Prof. Dr. rer. hort. Ambrosius M. Grau:

Mayonnaise ist eine kalt hergestellte Würzsauce, die in den Beneluxstaaten seit ihrer Erfindung 1982 durch den deutschen Orgonphysiker Heinz-Joachim Freiherr von Mayonn für flächendeckende Gesundheitsprobleme sorgt. Es handelt sich um eine Emulsion von Öl in Wasser, emulgiert durch das in Eigelb enthaltene Lecithin. Eigentlich neigt Lecithin auf Grund seines HLB-Werts zu Wasser-in-Öl-Emulsionen, was den hungerigen Hobbykoch nun vor komplizierte physikalische Probleme stellt. Erst im späten zwanzigsten Jahrhundert gelang in Geheimlaboren auf der dunklen Seite des Mondes das, was Henning Brand jahrhunderte vorher mit Phosphor gelungen war, nur kalt, mit anderen Zutaten und anderen Ergebnissen: Es wurde entdeckt, dass man eine stabile Emulsion herstellen kann, wenn man mit sehr wenig Öl beginnt und dieses dann erst nach und nach langsam zugibt. Das heißt also, für den Laien, in der Praxis, wenn man es denn jetzt und überhaupt:
Wir beginnen mit einem Eigelb, einer minimalen Menge Senf (ein drittel Teelöffel suffiziert bereits), etwas Salz, etwas Pfeffer und einem Schuss Zitronensaft oder Rotweinessig. Wir beginnen, das Ganze mit einer Gabel zu rühren und geben einige Tropfen Öl dazu, rühren, rühren, rühren, Tropfen Öl, rühren, Tropfen Öl, etc… Irgendwann bildet sich etwas, das bereits nach Mayonnaise aussieht. Wenn es so weit ist, kann man die Ölmenge langsam erhöhen. Langsam. Wenn die Mayonnaise kippt, darf man von vorne anfangen und schließlich gegen Ende Löffel für Löffel die umgekippte einrühren. Wie viel Mayonnaise man aus einem Ei schlagen kann, hängt vor allem von der wässrigen Grundvorlage ab. Dr. M.A. Frant van Jovejokkel soll angeblich aus einem einzigen Eigelb einmal vierundzwanzig Liter der in seinem Heimatland Holland auch „weißes Gold“ genannten Sauce hergestellt haben.

Wie gut, dass wir akademischen Beistand haben. Genau, wie man am Ende auch umgekippte Mayo unterschlagen könnte, so kann man in eine Mayonnaise auch die Anchoïade-Grundmasse einschlagen. Ich habe etwa 300ml Mayonnaise gemacht und dafür o.g. 80g Sardellen und 1 Knoblauchzehe verwendet.

Diese Anchoïade, für deren mayonnaisigen Charakter ich vermutlich von jeder französischen Frau mit einer Reitpeitsche über den Hof gejagt werden würde – ein weiteres Vergnügen weniger also, das ich wie jeder andere bezahlen muss – ist eine wunderbare Creme auf Baguette oder Chiabatta. Für lustiges Kichern gibt es obendrauf gehackten Schnittlauch. Extrem lecker. Gefährdet akut meine kardiovaskuläre Gesundheit.

Studentenfutter: Eine einfache Gorgonzolasoße

Posted in Essen & Trinken on 19. Juli 2011 by hoegi

Wenn die Zeit mal knapp ist und der Hunger groß: Hier ist kurz und knapp ein schnelles Rezept für eine leckere Gorgonzolasoße.
Eine Packung Gorgonzola in handliche Stücke/Würfel schnippeln, die Rinde entfernen nicht vergessen, und bei geringer Hitze in Topf oder Pfanne schmelzen lassen. Währenddessen schonmal die Nudeln (ich empfehle Spaghetti) ans Kochen bringen. Wenn der Gorgonzola gleichmäßig cremig geschmolzen ist, schmeißen wir einen Becher Sahne (die Verpackung machen wir vorher ab) dazu. Nach Gusto mit Salz und Pfeffer abschmecken und kurz zusammen kochen lassen. Zum Schluss gibt man, falls vorhanden, kleine Scheiben Parma- oder Serranoschinken in die Soße und erwärmt diese einen Augenblick mit.
Dass die Soße auf die Nudeln gehört brauche ich wohl nicht groß zu erklären. Also guten Appetit!

Ein Experiment: Nudeln in Baconrahmsoße

Posted in Essen & Trinken on 6. Juni 2011 by hoegi


Horido und Halali!
Nach längerer Blogabstinenz meldet sich der Kombüsenmaat zurück am Sonnendeck des Internetz´.
Aus gegebenem Anlass, in diesem Falle der völligen Verrohung dieses Blogs in einen Food-Blog, muss ich mich zuerst mit einem soeben fabrizierten und verdrückten kulinarischen Exkurs hier einfinden.
Seit Wochen schon schlummerte eine Packung Bacon in meinem Kühlschrank und wartete sehnsüchtig auf ihren Verzehr. Kurz vor knapp, also vor dem MHD erbarmte ich mich also heute und kreierte eine wundersame Baconrahmsoße.
Die Zutaten für eine Person wären da: Die soeben genannte, vor sich hin siechende, Packung Bacon (100g), ein Päckchen Sahne (200ml, heute nur H-Sahne, aber die tuts auch), ~200ml Brühe (dazu gleich noch mehr), 140g Nudeln, Salz, Pfeffer, Oregano und eine Zehe Knoblauch zum Würzen sowie etwas gehäckselte Petersilie aus dem Glas (ihr wisst ja, das Auge und so…).
Um Platzmangel in der Pfanne entgegenzuwirken empfiehlt es sich, zuerst den Bacon in handlichere Stückchen zu schnippeln. Quadrate bieten sich aufgrund ihrer hervorragenden geometrischen Eigenschaften ebenso gut an wie Kreise und Septagone. Wichtig an dieser Stelle: Wenn man wie ich zu faul ist jeden Streifen einzeln zu schneiden alles im Batch verarbeitet, sollte man die so gewonnenen Stückchen vor dem Pfannentauchgang erstmal auseinanderfriemeln sonst gibts nachher Baconklötze. Das will ja auch Keiner.
Zusammen mit fein gewürfelten Zwiebeln (die ich nicht aufgeführt habe, weil ich sie blöderweise gerade vergessen habe…) wird das Speckgehäcksele dann in der Pfanne bis zur gewünschten Bräunung und Knusprigkeit gebraten. Wenn mich jemand in Zukunft nach meinen Lieblingsgerüchen fragen sollte, werde ich neben dem Geruch von einer Backstube am Morgen sowie frisch gemähtem Gras definitiv auch den Geruch von bratendem Bacon anbringen. Gibts sowas eigentlich als Parfum?
Jetzt löschen wir diese lecker riechenden Meisterstücke mit der Brühe ab.

Exkurs: Brühe
Ein heikles Thema. Ich als leidenschaftlicher aber auch reichlich uninformierter Hobbykoch habe in der Vergangenheit etwa 3 Gläser der „Klaren Brühe“ von Maggi durch meine Pfanne gejagt, bis mir neulich erst auffiel, dass tatsächlich echter und originaler Geschmacksverstärker in dem Zeugs drin ist. Das hat mich natürlich etwas schockiert, am Schlimmsten war aber, dass ich da nicht viel früher drauf geachtet habe. Viele leckere Gerichte in der Vergangenheit tragen nun den Makel Geschmacksverstärker beinhaltet zu haben und so fing ich an zu zweifeln, ob ich überhaupt kochen kann, oder ob Maggi das nicht doch für mich getan hat.
Natürlich musste dann auch ein Ersatzprodukt her. Zur Wahl standen diverse Möglichkeiten: Ich könnte mir in langwieriger Arbeit selber eine Gemüsebrühe einkochen, ich könnte teurere Produkte kaufen, fertige Brühen oder gar Fonds, doch all das stellt mich nicht recht zufrieden. Ich möchte nicht Stunden in der Küche verbringen um Brühe zu bekommen und ich möchte auch nicht jedes Mal wenn ich koche ein Vermögen dafür loswerden (>3€/Glas Fond). Nach kurzer Internetzrecherche stieß ich auf die Alnatura-Brühe von dm. Ja richtig, ein Bio-Produkt aus einer Drogeriekette. Erstaunlicherweise kostete das Glas (für 12,5 Liter) nur etwa 2,50€ und war damit doch recht erschwinglich. Das Produkt ist tatsächlich völlig geschmacksverstärkerfrei. Weder als solcher gekennzeichnet, noch versteckt in Hefeextrakt oder nochwas. Damit konnte und kann ich mich anfreunden. Seit 2 Wochen ist das nun das Mittel der Wahl. Zurück ins Kochstudio.

Nachdem die Baconbrühe ein paar Minuten schön vor sich hin geköchelt hat, geben wir die Sahne dazu und würzen je nach Belieben. Ich habs leider etwas mit dem Salz übertrieben, denn der Bacon hat doch noch enorm Salz abgeben. Damit also sparsam sein!
Wenn die gewünschte Sämigkeit erreicht ist (~ 10 Minuten bei mittlerer bis mäßig starker Hitze) sollten wir am Ziel sein.
Soße auf die Nudeln und ab dafür!
Leider geht der Bacongeschmack nicht so sehr in die Soße über wie ich das erhofft hatte. Im Prinzip habe ich nur eine gewürzte Rahmsoße gekocht mit Bacon als Beigabe. Tja. Wenn ich von der leichten Versalzung des Essens absehe hat es aber gut geschmeckt und wird gewiss auch noch verfeinert. Wer also in den Untiefen seines Koelkastes eine Packung Bacon findet und nicht weiß wohin damit: Rahmsoße frisst Alles.

Nachtrag: Die Suche nach der idealen Brühe geht weiter… 😦

Pasta per l’Amica

Posted in Essen & Trinken on 21. Mai 2011 by Herr Grau

Ob ich diese Variante erst gemacht habe, weil ich keine Kapern und Oliven für eine Putanesca im Haus hatte und dann festgestellt habe, dass es eine klasse Variante ist für Leute, die keine Kapern und Oliven mögen, oder ob es anders herum war – ich kann es wirklich nicht mehr sagen. Punkt ist, dass besonders meine beste Freundin ziemlich augenblicklich ein großer Fan dieses Rezepts wurde, als sie das erste mal damit kollidierte. Eine kurze Suche offenbarte keine ähnlichen Rezepte, also musste eine neue Bezeichnung geschöpft werden. Das ist der Grund für den ominösen Namen.

Man würfelt eine halbe kleine Zwiebel pro Person und schneidet ein bis zwei – je nachdem, wie man da veranlagt ist – große Knoblauchzehen nach bester Goodfellas-Manier in mikrotomdünne Scheiben. Mit einer gesunden Portion Olivenöl wird das ganze bei mittlerer Hitze glasig gedünstet. Der Kniff an dieser Sauce ist, dass sie nicht mit Pfeffer, sondern mit Chili gewürzt wird. Dies habe ich in Italien gelernt, man benutzt auch dort für Ragú Peperoncini. Dieser Punkt ist allerdings auch der kniffelige, denn Chili sind heimtückisch. Alle sind unterschiedlich scharf, selbst aus dem selben Glas, und so kann es sein, dass manchmal eine Chilischote genau richtig ist, das nächste mal ist es mit der selben Menge völlig überwürzt. Außerdem zieht die Schärfe beim Kochen nach, weswegen ich die Chili so früh wie möglich, also auch am Anfang dazu gebe. Um diese diffizile Balance zwischen zu viel und zu wenig ( – die „geringe therapeutische Breite“ für die Mediziner unter uns – ) zu treffen, sollte man sich langsam rantasten. Ich fange etwa bei einer drittel Schote von den grünen aus dem Glas pro Person an und gehe dann nur vorsichtig höher. Wenn die Schärfe allerdings genau richtig ist, wird man mit einem einzigartigen Genuss belohnt, der den Aufwand einfach wert ist. Okay, Chili kommt auch in die Pfanne. Dann löschen wir das ganze mit einem guten Schwenk Rotwein ab und lassen das Ganze einreduzieren, etwa auf 1/3. In dieser Phase kommen Sardellen dazu, in Salzlake eingelegte, die vorher kurz abgewaschen werden, etwa zwei pro Person. Wenn der Wein fertig einreduziert ist, geben wir Tomatenpüree dazu, etwa 200ml pro Person, plus minus, und ein guter Schuss Sahne, vielleicht 50ml pro Person. Wenn die Sauce etwas zu scharf geworden ist, kann man jetzt mit etwas mehr Sahne noch korrigieren. Salz, dann doch eine kleine Prise Pfeffer für untenrum und eine kleine Prise Zucker gegen die Säure von Wein und Tomaten runden das Pastaapplikanz ab. Es wird dann einige Minuten gekocht, bis eine Konsistenz erreicht ist, die uns dieses warme Zufriedenheitsgefühl in der Körpermitte bereitet.

Als Pasta eignet sich eigentlich alles, was etwas robuster ist, bei mir heißt das entweder Bavette oder Penne Rigate.

Guten Appetit! Und preiset den Herrn! Grau.

Studentenfutter: Tuna Sandwich

Posted in Essen & Trinken on 8. Mai 2011 by Herr Grau

Heute ist mal wieder eine der famosen Episoden, die sich mehr mit jener kulinarischen Seite meines Daseins befassen, die vom Inhalt meines Schrankes geprägt wird, statt durch mein Streben nach Perfektion. Spricht aber nichts dagegen, auch hier umsichtig zu arbeiten.

Der Grund, warum ich überhaupt beschreibe, wie man ein solches Sandwich macht, ist, dass es in Deutschland bis zur Publikation von Tuna Subs im Prinzip unbekannt war. Einem Ami muss man sowas nicht erklären, in Amerika wird mehr als die Hälfte des verkauften Dosenthunfischs für Sandwiches verwandt. Hierzulande kann aber eine kurze Anleitung samt Betrachtung der wichtigen Punkte nicht schaden.

Wie immer steht die Qualität der Hauptzutat, in diesem Fall des Thunfischs, im Vordergrund. Nur weil es sich um ein Dosenprodukt handelt, sollte man nicht auf die Idee kommen, dass der Inhalt automatisch Dreck ist. Ein guter Thunfisch im eigenen Saft (in Öl hat keine Vorteile, außer mehr Kalorien und die tolle Sauerei, die wir alle so lieben) macht was her und ist im Endprodukt deutlich zu schmecken. Wenn man nicht zum Allerbilligsten greift, sondern gewillt ist, auch mal knapp über 1€ pro Dose zu investieren, kann man selbst bei Tegut schon das Mittelpreisprodukt bekommen, man wird belohnt mit einer nicht-graubraunen Farbe und der Abwesenheit von fischigem Geruch. Das Meeresgetier riecht frisch und ist von einer hellbeigen Apparenz. So muss das.

Nachdem wir also eine halbe Stunde über Thunfisch nachgedacht haben, öffnen wir die Dose, auf die wir so durchdringend gestarrt haben. Saft abgießen, ab mit dem Inhalt in eine Mixschüssel. Dazu kommen zwei gehackte Gewürz-gürkchen, eine halbe rote Zwiebel – die so frisch wie möglich sein sollte, sonst ist sie zu süß, es fehlt dann der Biss -, ein halber TL milder Löwensenf, Salz, Pfeffer, ein EL gutes Olivenöl, ein Schuss Tabasco und gehackte Petersilie. Außerdem so viel Mayonnaise, wie man mag, um das Ganze zu binden; ich nehme etwa drei bis vier TL, manchmal auch mal mehr oder weniger. Ist sehr Geschmacksfrage, das. Mit einer Gabel schön durchmischen, schließlich sollte der Thunfischsalat dann etwa eine halbe Stunde im Kühlschrank stehen, damit er richtig schön kalt ist.

Das Substrat verbergen wir jetzt geschickt samt einem halben Blatt Chinakohl oder Eisbergsalat zwischen zwei leicht (!) getoasteten Brotscheiben.
Leckrrrr.

Auf Basis dieses Grundrezeptes kann man natürlich nach Lust und Laune variieren. Tomaten – als Scheiben auf dem Toast oder Würfel im Salat -, Käse – als Feta im Aufstrich oder als Schmelzkäse auf dem Brot -, gehacktes hartgekochtes Ei… Der Phantasie sind wenig Grenzen gesetzt. Ich persönlich ertappe mich allerdings dabei, immer wieder zu dem Ausgangspunkt zurückzukehren…

Pasta al‘ Salmone affumicato

Posted in Essen & Trinken on 5. Mai 2011 by Herr Grau

Liegt nicht an mir, dass in letzter Zeit so viel Foodblogging hier passiert, wirklich nicht. Es stauen sich nur die Bilder an und es beginnt der alte Merksatz zu greifen „Je näher die Klausur, desto sauberer die Wohnung“. Respektive To-Do-Liste. Respektive der unveröffentlichte-Artikel-Ordner. Die Tatsache, dass dieser Artikel reine Prokrastination ist, soll ihn jedoch nicht weniger wertvoll machen. Im Gegenteil: Je wertvoller der Artikel sich für den Einzelnen am Ende herausstellt, desto weniger war es haltlose Prokrastination und desto- ach, lassen wir das…

Es geht um ein Gericht, dass ich seit etlichen Jahren koche. Angefangen hat die Geschichte bei dem selben Italiener, bei dem ich auch die Tortellini in Salbeibutter entdeckt hatte. Eine Version von Penne al Salmone hatte es mir dort damals sehr angetan, sodass ich mich sogleich an einen Nachkochversuch machte. Seit dem ist etlich Wasser die Flüsse runtergewuppert, der Zubereitungsduktus hat sich erheblich verändert. Namentlich benutze ich Räucherlachs anstatt Lachsfilet, was man sehr selten findet. Ich bilde mir daher ein, meine eigene kleine Variante geschaffen zu haben. Ich finde sie ziemlich hervoragend und kann nur empfehlen, sie einmal zu probieren.

Man nehme pro Person eine halbe kleine rote Zwiebel. Da brauchts ein bisschen Gefühl, für zwei Personen nahm ich immer eine halbe normalgroße. Das Schalengewächs wird fein gewürfelt und auf mittlerer Flamme in Olivenöl glasig gedünstet. Eine Knoblauchzehe (auch hier: nach Gefühl! Es braucht nicht für jede Person eine da rein.) hacken und hinzu geben. Mit einem guten Schwenk (~100ml) eines nicht zu sauren Weißweins – ich nehme den Charette Chardonnay von Aldi – ablöschen und auf großer Flamme auf ein Drittel einreduzieren lassen. Einen Becher Sahne angießen (hier ist einer pro Person schon recht passend), drei in Stücke geschnittene Scheiben Räucherlachs  zugegeben, sowie einen Spritzer Tomatenpüree, etwa 3 EL. Bis zur gewünschten Sämigkeit einkochen, eine klitzekleine Prise Zucker kommt dazu, dann salzen und anständig pfeffern. Wenn man hat, macht sich ein kleines bisschen geriebene Zitronenschale auch gut in dem Gericht, die ganz zum Ende dazu kommt. Aber wer hat sowas schon…

Das ganze servieren wir mit einer robusten Pasta. Ich mag Penne dazu sehr gerne (Penne rigate allerdings, die vermaledeiten Penne lisce, die auf dem Bild zu sehen sind, sind – obwohl Barilla! – Teufelswerk, Finger weg!).
Großartig.

Tortellini di Carne con Burro e Salvia

Posted in Essen & Trinken on 2. Mai 2011 by Herr Grau

Die meisten wunderbaren Dinge sind überraschend einfach; etliche Diplomyogis behaupten in Wort und Schrift (teils mehrfarbig gestaltet), dass nur Glücklichkeit erlangen könne, wer die einfachen Dinge zu schätzen lerne. Bei dieser Pastavariante muss man sich kaum Mühe geben, der hervoragende Geschmack entbindet uns von vorheriger Selbstverbesserung, die Selbsthilfefolianten können bis zur Abendlektüre im Wäscheschrank bei den adulten Bildbänden verweilen.

Das erste und einzige mal, dass ich dieser Zubereitungsart in der freien Wildbahn begegnet bin, war bei einem klitzekleinen Italiener in Münster. Der damalige Besitzer, leider inzwischen vom Erdboden verschwunden, hatte etliche kulinarische Kniffe auf und in der Pfanne, unter anderem auch dieses Rezept. Wobei: Von einem Rezept braucht man hier kaum sprechen, man muss nur die Idee einmal vermitteln. Tortellini oder Ravioli mit Fleischfüllung gar ziehen lassen, einen guten Brocken Butter in einer Pfanne auslassen und vier bis fünf gehackte frische Salbeiblätter, sowie etwas Salz und Pfeffer dazu geben. Kurz bei niedriger Hitze durchziehen lassen. Das eine in dem anderen schwenken, essen und dem Weg Zum Licht™ (rechtlich geschützt) ein bisschen näher sein…

Beefsteak Tatare

Posted in Essen & Trinken on 29. April 2011 by Herr Grau

Nachdem wir alle gewaltige drei Tage Frühling genossen haben, ist jetzt offenbar Sommer. Meine Spione aus den südlichen Landen melden Temperaturen größer 30° nach Celsius, sodass dort teilweise schon straffrei tagsüber Radler getrunken werden darf, ohne dass ich die Eignung des Einzelnen für die eigenen externen Geschlechtsorgane publikumswirksam in Frage stellen muss. Bei solchem Wetter geht einem naturgemäß der Appetit ein wenig flöten, leichtes Essen muss her.
Schnitt.

Der Tatare als solcher war ein sehr geschäftiger Reitersmann, der gern und viel in den östlichen Teilen Mitteleuropas einfiel und dort Tod und Zerstörung verbreitete. Wenn man ein Mann mit einem Plan ist, ist oft keine Zeit, mal anzuhalten, um sich mal kurz ein halbes Schwein zu grillen, da will geritten werden. Da aber Morden und Plündern zeitens sehr anstrengend ist, will trotzdem oben ausreichend Nahrung eingefüllt werden. Dann muss eben roh. Was muss, das muss. Man war ja zielorientiert.
Um das Ganze halbwegs gangbar zu machen, legten die Herren eine rohe Portion ihres toten Liebingstiers unter ihren Sattel, ritten fleißig zu und hatten am Abend ein sehr mürbes Stück Fleisch, wenn auch von vermutlich fragwürdigem Aroma.
Schnitt zurück.

Warum jetzt irgendein mit überschaubarer Realitätsnähe gesegneter französischer Küchenfreund der Meinung war, man müsste dieser Tradition dringend mal wieder gemahnen, entzieht sich meinem Verständnis. Was ich allerdings weiß, ist, dass Beefsteak Tatare eines der leckersten Gerichte der klassischen französischen Bistro-Küche ist. Und da ich ja konstant über meine Verhältnisse leben muss, um meinen Ruf zu wahren, gönne ich es mir auch von Zeit zu Zeit, wenn der Appetit eher zur leichten Küche schlägt. Womit wir wieder am Anfang wären.

So, genug Worte verloren. Wie man in den Genuss des richtig zubereiteten rohen Rindfleisches kommt, soll natürlich nicht in Unerwähnung verbleiben.
Punkt eins ist das Fleisch: Die Qualität des Ausgangsfleisches spielt eine gewaltige Rolle, wenn man das Fleisch in einer fast puren Form zu genießen trachtet. Hackfleisch vom Aldi kommt hier nicht in Frage. Was da drin ist, weiß ja auch keiner. Vielmehr ist es jetzt andem, Fleisch aus dem ganzen Stück selbst zu hacken oder dies vom Metzger seines Vertrauens machen zu lassen. Jetzt ein wichtiger Punkt: Kein Filet nehmen! Filet ist der teuerste Schnitt, aber dadurch nicht automatisch das beste Fleisch für alles. Es ist sehr zart, aber da wir das Fleisch eh hacken, ist dieser Vorteil völlig egal. Filet hat gleichzeitig auch am wenigsten Fleischgeschmack. Den dagegen wollen wir auf jeden Fall. Man ist daher mit einem viel günstigeren Teil des Rinds wesentlich besser beraten. Ein Stück aus dem flachen Roastbeef ist ideal, Entrecôte oder Rumpsteak, allerdings sollte das Fleisch nicht wie für ein Steak „dried“ sein, wir wollen es frisch und saftig.
Wie man das fertige Rindfleisch anmacht, ist sehr Sache des Einzelnen, es gibt große regionale Unterschiede. Ich rechne für eine Portion für mich etwa 130g Fleisch, dazu kommt eine kleine gehackte Scharlotte, ein bis zwei Sardellen und ein TL Kapern zusammengehackt, ein großer TL milder Löwensenf, ein guter Schuss Worcestershiresauce, ein Schuss Tabasco, ein Eigelb, Salz und frisch gemahlener schwarzer Pfeffer. Ich esse das ganze am liebsten auf frischem Baguette, auch wenn das nicht die traditionelle Variante ist.

Heaven.

Wer des Englischen mächtig ist, möge sich dieses Video hier anschauen, in dem der großartige Fleischmeister Jack O’Shea erklärt, wie er es macht. Der Gute hat eine andere Art der Zubereitung, die ich auch dringend noch mal ausprobieren will: