Endlich Luxusleben – Abenteuer mit dem großen Löffel

Posted in Das Leben und der große Löffel on 7. September 2015 by Herr Grau

Irgendwann geht das Licht an, der Vorhang hoch und man findet sich arbeitend. Zur Erheiterung der jüngeren Generationen bemüht man sich hektisch, von der täglichen Erkenntnis abzulenken, dass man Lebenszeit seiner besten Jahre gegen Geld eintauscht – und zwar primär, indem man das derart verdiente Geld für größtenteils unnötige Konsumwaren ausgibt. Soweit das wohlbekannte und gern genommene Konzept.

taxJetzt gibt es mehrere Arten von Luxus. Die Akquise von weltlichen Reichtümern führt in immer kürzer werdenden Abständen zu relativem bis herablassendem Gleichmut anstatt Begeisterung bei der Zielgruppe: Den Freunden, die man damit beeindrucken will. Die haben nämlich auch zunehmend besseres zu tun – Kinder großziehen, arbeiten und nachts recherchieren, welcher Weber-Grill wohl den meisten Eindruck auf der nächsten Grillparty schinden wird. Es ist allzu leicht, in eine Spirale von Mehrinvestition zu rutschen. Es juckt mir in den Fingern, mich genüsslich in den Details der Motivationsmechanismen unserer Konsumkultur zu wälzen, aber damit wäre diesem Artikel mehr geschadet denn genützt.

Die Alternative, nämlich, verdient eine ernstgemeinte Evaluation und daher all unsere Aufmerksamkeit. Die Deutschen geben weniger als ein Siebtel ihres Geldes für Essen aus. Meiner persönlichen Erfahrung nach hat das einen klaren Grund – den selben Grund, warum deutlich mehr Fleisch in Theken als beim Metzger gekauft wird und warum seit Jahren Discount- und Systembäcker das traditionelle Handwerk töten: Der deutsche Konsument ist mit ziemlich unterdurchschnittlichem Scheiß zufrieden, solange das ganze nur billig ist. Wie das unmarmorierte, aus Wasser bestehende Abpackfertigkotlett hergestellt wird, wie die Tiere von Geburt bis Schlachtung leiden, wie viele Antibiotika sie fressen, wie die Arbeiter ausgebeutet und unterbezahlt werden und dass das ganze dann von der Ukraine hier hergefahren muss, ist genauso unwichtig wie der nichtssagende, trockene Geschmack, solange. Sie. Nur. Billig. Sind. Diese Mühle dreht sich schon so lange, dass bei einer breiten Masse die Fähigkeit, Qualität zu erkennen und wertzuschätzen bereits verkümmert ist. Meistens direkt entlang der Unfähigkeit, auch einfachste Mahlzeiten ohne ChlorFix für Angstfreie Salzkartoffeln zuzubereiten.

acetoEs geht überhaupt nicht darum, dass es ach so schön ist, reich zu sein und einen exquisiten Lebensstil zu pflegen. Zu allervorderst empfehle ich jedem dringend, Essens-Snob zu werden. Wer sich bewusst ist, was er in seine Eindau-Luke steckt, wer sich Mühe mit der Zubereitung gibt und das Beste aus dem macht, was er hat, der ist besser als seine Brüder und Schwestern. Und ich plädiere dafür, dass er sich auch besser fühlen soll. Wer auf prozessierten Krempel verzichtet und sein Essen selbst zubereitet, der ernährt sich mit großer Wahrscheinlichkeit gesünder. Er gibt weniger Geld an Konzerne und mehr Geld an die Produzenten in seiner Region. Er bildet seinen Geschmackssinn aus und genießt sein Leben. Er ist zufriedener, gesünder und gut für sein Land und seine Mitmenschen. Und gelegentlich – gelegentlich belohnt er sich mit etwas Besonderem.

Ich arbeite viel und verdiene nicht schlecht. Ich habe mich entschieden, mein Geld lieber in gutem Essen und Trinken anzulegen, als dem Trend zum Dritt-BMW zu folgen. Im Folgenden werde ich in dieser schicken neuen Kategorie von meinen Erfahrungen mit exklusiven Genussmitteln verschiedenster Preisniveaus schreiben.

Croque Madame – Dekadenz in Brot

Posted in Essen & Trinken, smile and look alive on 2. September 2015 by Herr Grau

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Manche Dinge, die jedes andere zivilisierte Volk dieser Erde schon vor Ewigkeiten entdeckt hat, gibt es in Deutschland schlicht nicht. Es ist ein Zeugnis unseres kollektiven Antihedonismus, dass selbst die puritanischen Briten, für die Spaß und Selbsthass in einer dauerhaften, liebenden Beziehung zueinander stehen, irgendwann auf die Idee gekommen sind, ihr geschmackloses Weißbrot mit ihrem kruden Käse und ihrem traurigen Schinken zu überbacken – wir aber nicht. Wir machen Butterbrot. Das ist gut, das war gut, das bleibt gut und wenn daran gar nicht gemacht worden wäre, dann könnte ich mich damit abfinden. Ich würde mich hinstellen und mit Feuereifer verteidigen. Der Deutsche, leider, hat sich schon verkauft: Die Bäckertheken liegen voll mit den seltsamsten Kuriositäten, größtenteils ohne Sinn und Verstand zusammengestoppelt. Verlorener Posten, folgendes zuzugeben fällt mir leicht: Ja, ich bin neidisch auf die Sandwiches anderer Nationen. Warum zur Hölle gibt es keine vernünftigen Cold Cut Sandwiches, obwohl wir fantastischen Schinken und sehr gute Salami können? Warum keine Italian Beefs, die mit langsam gekochten, dünn aufgeschnittenem Rindfleisch und hausgemachte Giardiniera zubereitet und dann in den Fleischsaft getaucht werden? Warum gibt es keine Cubans? Cheese-Steak? BLT? Tuna? Haben denn alle den Verstand verloren?! Wir sind eine der herausragendsten Brotnationen dieser Welt und wir können nicht mal ein einfaches Sandwich mit Käse und Schinken? Kein Wunder, dass dem Deutschen so selten nach Lachen ist.

Um diesen Missstand zu beheben, halten wir uns nicht lange mit mittelmäßigen Darbietungen auf, sondern begeben uns direkt zur Wiege aller butteriger Dekadenz: Frankreich. Hier wird das Schmelzen von Käse in Brotnähe auf höchstem Niveau praktiziert. In Marcel Prousts „Suche nach der verlorenenen Zeit“ ist die Croque Monsieur, Schwester der Croque Madame sans Spiegelei, das erste mal schriftlich erwähnt – was kein Schwein weiß, weil ich niemanden kenne, der über die ersten Kapitel hinaus gelesen hätte. Allerdings wird ihr auch deutlich weniger Beachtung geschenkt, als der allseits bekannten Madeleine. Das ist auch in Ordnung so, sonst wäre es für mich auch wenig lohnend, darüber noch Worte zu verlieren. So ein Blog will ja auch gefüllt sein. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts haben sich unzählige Varianten ausgebildet. Traditionell wird die Croque Madame aus weichem, wolligem Kastenweißbrot gemacht. Von diesem wird die Kruste abgeschnitten, das Brot mit Gruyére und Kochschinken bestückt und das ganze entweder im Ofen oder in der Pfanne gebacken. Spiegelei drauf macht aus der Croque Monsieur eine Croque Madame. Jetzt gibt es allerlei optionale Zugaben. Dijon-Senf kann auf die Innenseiten des Brots gestrichen werden. Das Brot, fertig geröstet oder ausgebacken, kann mit Bechamél-Sauce überbacken werden. Undoder noch mehr Käse. Ein rechter Dschungel tut sich auf. Zeit für Macheten.

Ich benutze durchaus gerne ein rustikales Weißbrot und ich schneide auch die Rinde nicht ab. Gottesfrevel! Pauken, schiefe Posaunen! Das liegt daran, dass ich keine Operntänzerin mit marodem Gebiss bin. Kruste hat Geschmack und Geschmack war ursprünglich irgendwann mal das Ziel. Ich streiche die Innenseiten des Brots dünn mit Löwensenf Medium ein – das ist ein exzellenter Dijon-Senf, wie die Zweigstelle der Göttlichen Ordnung, die Stiftung Warentest, ihm erst kürzlich wieder bescheinigte. Die leichte Schärfe und Säure kontrapunktiert die doch sonst etwas eintönige Fettigkeit von Schinken und Käse. Beim Käse gibt es keine Fragen: Gruyére ist die richtige Wahl, nach mehreren Versuchen kann ich da getrost einen Punkt hinter machen. Beim Kochschinken braucht man zu wählerisch nicht zu sein. Ich bevorzuge italienischen Prosciutto Cotto, aber das kann man halten wie die Dachdecker. Solange er nicht zu trocken ist und für sich gut schmeckt, ist er geeignet. Jetzt wird es interessant: Die Zubereitung.

Grill des Ofens auf 250° vorheizen. Sodann schneiden wir uns zwei ordentliche Scheiben unseres liebsten Weißbrotes ab, fingerdick. Diese werden innen mit Senf eingestrichen, danach versucht man mehr oder minder, den Senf wieder abzukratzen. Damit kommt man bei einer guten Menge heraus. Mit ordentlich Gruyére und Schinken füllen und bei mittlerer bis mittelhoher Hitze in Butterschmalz zu perfekter Goldbräune ausbacken. Derweil oder vorher eine Bechamél-Sauce herstellen: Einen Esslöffel Butter schmelzen, einen Esslöffel Mehl einschlagen, dann Schluck für Schluck Milch unterschlagen, bis die Konsistenz schön dickflüssig ist. Einmal aufkochen, mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss würzen. Das perfekt gebräunte Brot auf der Oberseite vollständig mit Bechamél bedecken und mit geriebenem Gruyére überdecken. Unter dem Grill den Käse schmelzen und bräunen. Derweil ein Spiegelei braten und darauf platzieren.

Fröhliches Schlemmen. Mögen die Gefäßchirurgen mir verzeihen…

Das Rezept habe ich übrigens nach langer Recherche von Kris Morningstar (Terrine Restaurant) geklaut. Der Mann hat’s einfach raus.

The Winston Churchill Memorial Milkshake

Posted in Essen & Trinken, German Heaven, Mixed Feelings, smile and look alive on 2. September 2015 by Herr Grau

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Ursprünglich hatte ich vor, mein schickes neues Rezept für Milkshake aus Stolz und Eitelkeit nach einer Berühmtheit zu benennen, die wenigstens halbherzig bekannt für ihre Liebe zu Buttermilch ist. Das waren mal nützlich aufgewendete zwanzig Minuten. Scheint, als ob sich die Begeisterung für dieses bescheidene Molkeprodukt doch deutlich mehr in Grenzen hält, als ich erwartet hatte. Sei’s drum: Wenn die Welt nicht will wie ich, dann spielen wir das Spiel eben anders. Winston Churchill konnte mit einer Hand Panzerhaubitzen aus der Hüfte schießen, während die andere Hand pokerte, Romeo y Julieta rauchte und eine Nebukadnezar-Flasche Pol Roger gen Leber stemmte. Genau der richtige Namenspatron also für diese kongeniale neue Erfindung meiner allzu bescheidenen Person: Dem Buttermilkshake.

Eine kurze Suche bei Google ergab schnell, dass ich natürlich nicht der erste auf unserer kleinen blauen Kugel war, der auf die Idee gekommen ist, Buttermilch in den Milkshake zu schrauben. Aber ich kann aufrichtig versichern, dass ich das bis gerade eben nicht wusste. Meinem Erschafferstolz tut das keinen Abbruch. Blitze durchzuckten das Haus und ich lachte kreischend-manisch, als sich der wirre, unstete Geist in ein Glas milkshakige Großartigkeit ergoss. Das kann mir keiner nehmen.

Man nehme:
1 Teil Buttermilch
2-3 Teile Vanilleeis
Früchte nach Belieben
Honig zum Abschmecken
Optional: Geriebene Zitronenschale

Milkshake-Rezepte sind nie genaue Wissenschaft. Das liegt hauptsächlich daran, dass Eis nicht gleich Eis ist und auch verschiedene Früchte unterschiedlich stark andicken. Mit ca. 250g Buttermilch, zwei Pfirsichen und 550g Aldi-Vanilleeis landete ich bei der Konsistenz, die ich von meinem Milkshake erwarte: Diese spladdernde Schlotzigkeit, die von höherer Weihe singt. Erst Früchte mit Buttermilch pürieren, dann Eis nach und nach zugeben und unterpürieren, bis die eigene Zurückhaltung versiegt.

Fröhliches Buttermilchen.

Geld gegen Essen – Canadian Diner & Cafe (Falkensee/Berlin Spandau)

Posted in Geld gegen Essen - Restaurantnörgeleien on 23. August 2015 by bic_mac

(aus Übersichtsgründen vorgezogenes)

Pädikat: kulturell wertvoll!

„Oh finstrer Dämon des Bösen!“ – Dieser Satz ist das vollständige Gedankenprotokoll jenes schicksalhaften Tages, an welchem mein redliches und schaffensreiches Leben im wunderbaren Westfalenland beendet wurde und ich, den Gesetzen des Kapitalismus folgend, in die Bundeshauptstadt migrierte. Jedoch ach, manch Tändelei hätte sonst nicht meine Seele berührt.

Canadian Diner & Cafe

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Die moderne Dusche – Gesänge von Irrwegen

Posted in Angewandte Wissenschaft, German Heaven, Probleme des Lebens, smile and look alive on 15. Juli 2015 by Herr Grau

Die Postmoderne hat uns viel bitterlich Leid beschoren, daran ist kein Zweifel. Der Wegbereitung des Bauhauses folgend wurde der Gedanke von der zweckorientierten Architektur auf den Trümmern der Nachkriegsjahre zu einem beispiellosen Ausdruck des deutschen Willens, Beton in eckige Form zu gießen. Kompromisslos und abwaschbar. Der alten Regel, dass auf Schlimmes meistens Schlimmeres folgt, wenn man nicht alle Beteiligten rechtzeitig an eine geeignete Kirche nagelt, war dieser Umstand für die Gegenbewegung der Postmoderne ein allzu fruchtbarer Boden. Der Stolz der deutschen Architekten lag wohl verletzt vor zu viel formschlüssigem Zweckbau darnieder und wie ein Humunkulus des zum Lächerlichen gediehenen Zerrbildes, das „Moderne Kunst“ ist, erhob sich das Ungetüm der Künstlerseelen in ebenjenen Bauplanern und kotzte uns das vor die Füße, was dieser Tage das Stadtbild all jener traurigen Orte prägt, die das nachhaltige Pech haben, Neubauten zu brauchen. Weiße Kubal-Trümmer mit optionalen Bunt-Zierapplikationen und Bauhaus-Geschmäckle, in ewigem inzestiösen Selbstbezug sich immerfort wiederholend. Bis zum Erbrechen und den dahinter liegenden Unendlichkeiten. Trinker kennen das Gefühl von den Abenden, die sich um warmen Korn drehen. Das Kernproblem dieser Architektur ist ein fast beispiellos klares Spiegelbild eines tiefen, wichtigen und zu wenig thematisierten gesellschaftlichen Irrweges: Würdevolles Altern wurde von einem Ideal ewiger Jugend abgelöst von einer Generation, die offenbar die geistige Reife von Kindern hat, die das Unausweichliche einfach nicht akzeptieren können und sich stattdessen in eine Perversion der Wirklichkeit flüchten. Der Traum von der ewigen Jugend, die Weigerung, sich mit dem ewigen Fortschreiten der Zeit und dem Älterwerden auseinander zu setzen, mündet in den Armen der Schönheitschirurgie, unpassender Mode und – von da aus ein kurzer Bogenschlag – bei Häusern, bei denen keiner daran gedacht hat, wie sie aussehen, wenn ein paar Jahre ohne ständige Renovierung ins Land gehen. Die Japaner haben eine ganze Denkrichtung (Wabi Sabi), die sich mit nichts anderem als der einzigartigen Schönheit der natürlichen Alterung und der Auslegung der Dinge auf ebendiese befasst. Ein englischer Landsitz – zurückhaltend gepflegt – wird mit jedem Jahr, Jahrzehnt, Jahrhundert besser. Die Gebäude aus den noch nicht lange zurückliegenden Anfängen der postmodernen Architektur sehen jetzt schon aus wie die Hure von Bitterfeld. Vor allem dem öffentlichen Träger mangelt es an Geld für den jährlichen Ablass beim Schönheitschirurgen.

Inmitten dieses Problems hat sich die Verranntheit der ganzen verdammten Fehlleistung auf eine einzige Sache heruntergekocht, die diese nicht besser auf den Punkt bringen könnte: Die moderne Dusche.

Früher geziemte es sich, dass Duschen mit Türen von dem Rest des Bades abgeschlossen wurden. Es war ohne weiteres möglich – beispielsweise für Lebenspartner, Familie oder ausgesuchte Kompagnons – sich in den Gefilden des Balineums aufzuhalten, ohne automatisch an dem Erlebnis der von oben geregneten Körperwaschung zu partizipieren. Die Entdeckung der offenen Dusche durch satanistische Kommunistennazis auf der dunklen Seite des Mondes führt allerdings dazu, dass diese althergebrachte Trennung aufgelöst ist: Alles duscht jetzt mit. Es ist in halbwegs sinnvoll dimensionierten Bädern ein Ding der Unmöglichkeit, nicht mitzuduschen, wenn jemand der von oben gewaschenen Körperhygiene fröhnt. Aus der Dusche entweicht, dem Prinzip der Physik gebunden, ein steter Sprühregen variierender Intensität. Das Duschen gewinnt handwerklichen Anspruch – eine unbedachte Bewegung und die ganze nächste Wand wird fontainiert. Der mangelnden handwerklichen Ausbildung von Kindern in unserer Generation ist wohl zu danken, dass diesem Problem mit der Einführung fester Duschköpfe begegnet werden musste – traditionell eigentlich eine Einrichtung von militärischen Kasernen, Gefängnissen und anderen Etablissements, wo das vollständige Waschen im Schritt nicht oberste Priorität hatte. Ein weiteres inhärentes Problem erhebt sich aus der fehlenden Duschtasse, die aus optischen Gründen gleichermaßen wegrationalisiert werden musste: Der Abfluss muss nicht einmal richtig zu sein, bereits eine leichte Reduktion der Abflussmenge reicht, um die minimale Gefälletiefe der Einfliesung zu überwinden und das sich dann ebenerdig wie mit offenen Beinen darbietende Bad zu fluten. Und natürlich müssen die Wände aus Klarglas sein, denn das sei nochmal mit der Kraft der Verzweiflung ventiliert: Die ganze Nummer hat ausschließlich optische Gründe. Ein Opfer jeder Praktikabilität zugunsten von Optik. Aber eben in bester Tradition schnellst vergänglich: Wer nicht nach jedem Duschen enthusiastisch auf seine Duschwände einrakelt und den Boden des makulierten Bades putzt, der wird von der herabfahrenden Hand des Kalkes gestraft – die Dusche sieht jetzt scheiße aus, von jetzt bis immerdar, oder zumindest, bis man sich zu einer größeren Putzaktion durchringt. Ich weiß, Duschen altern naturgemäß insgesamt nicht wie englische Landsitze, aber der Unterschied im Pflegeaufwand zwischen Klarglas und Tropfenglas ist immer noch eine ganze Magnitude.

Völlig verkonstruiert, das. Die technisch gesehen – von völliger Abschaffung von Duschwänden abgesehen, aber vermutlich werden wir auch das noch erleben – schlechtest denkbare Lösung wird akzeptiert, sogar hoch gelobt und in eitelem Eifer verteidigt für ein bisschen hochgradig flüchtige Optik. Hurra, Du schönes Deutschland.

Geld gegen Essen – Acacia (Münster)

Posted in Geld gegen Essen - Restaurantnörgeleien on 7. Juni 2015 by Herr Grau

(aus Übersichtsgründen vorgezogenes) Prädikat: Einen Besuch wert

Ich liebe Sushi, ich glaube, darüber habe ich mich ausreichend ausgelassen. Umso glücklicher war ich, als ich neben den vielen Utility-Sushi-Restaurants, die für mich einfach meistens eher eine Übung in Gleichmut denn Anlass zum Genuss sind, ein hochqualitatives, gut geführtes japanisches Restaurant gefunden habe. Es liegt extrem versteckt am Friedrich-Ebert-Platz, also da, wo sich Friedrich-Ebert-Straße und Theißingstraße teilen. Ich hätte es ohne das Internet im Leben nicht entdeckt, auch von außen praktiziert es typisch japanisch Bescheidenheit und Demut – vermutlich zu ihrem direkten Schaden, aber so ist es nun mal mit Prinzipien. Ich hoffe, dass sie auf die dadurch ausbleibende Kundschaft nicht angewiesen sind.

Hat man das Acacia einmal reserviert, gefunden und betreten, so stellt man erst einmal zufrieden fest, dass sich hier ein geschmackvoller Innenarchitekt mit einem vernünftigen Budget austoben durfte und das Restaurant nicht die Verwirklichung von Eile durch einen Gastrogroßzulieferer war, wie es bei asiatischen Restaurants nur zu oft der Fall ist. Dass der Laden ein bisschen arg zwischen einem Izakaya und einem formalen Restaurant zwittert, sieht man ihm gerne nach. Man kann entweder an der Bar sitzen und direkt am Koch essen oder sich ganz entspannt in eines der baulich clever abgetrennten Séparées setzen und dort genau das richtige Maß an Gemütlichkeit und Privatsphäre genießen. Die Auswahl wechselte zwischen meinen Besuchen deutlich; ob die Karte einfach überarbeitet wurde oder ob tatsächlich fortlaufend saisonal gearbeitet wird, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe beide Male Sushi gegessen und das übrige Essensangebot ignoriert. Das mag ein Fehler gewesen sein, auch das kann ich nicht beurteilen. Sushi allerdings, soviel darf verraten werden, kann das Acacia. Es ist ohne große Anstrengung das beste Sushirestaurant, in dem ich in Deutschland bis jetzt gewesen bin.

Die Atmosphäre ist sehr angenehm, das Essen wirklich gut, der Service war zügig und freundlich (man ruft den Kellner mit einem Knopf auf dem Tisch, eine Einrichtung, die sich unbedingt überall durchsetzen sollte). Für die Kombination bezahlt man dann auch nicht unbedingt wenig. Für den kleinen Snack zwischendurch ist das Acacia sicherlich nichts, auch Pfennigfuchser sollten sich den Besuch zweimal überlegen. Ich finde aber, dass der Aufenthalt seinen Preis jedes mal wert war. Ich werde fraglos wiederkommen – zu gegebenem Anlass.

Wertung:
Essen: 9/10
Service: 9/10
Sauberkeit: 10/10
Preisgestaltung: 7/10
Ambiente: 9,5/10

Gesamtergebnis: 5 von 5 Vanilleeiskugeln mit Senf und Gürkchen


Acacia

Friedrich-Ebert-Platz 2
48153 Münster

Telefon: 0251-527995

Öffnungszeiten:
Dienstag und Mittwoch 12:00 bis 14:00 und 18:00 bis 22:00 Uhr
Donnerstag bis Samstag: 18:00 bis 22:00 Uhr

Geld gegen Essen – Les Cedres (Münster)

Posted in Allgemein on 7. Juni 2015 by Herr Grau

lescedres(aus Übersichtsgründen vorgezogenes) Prädikat: Ausgezeichnet

Ich ärgere mich sehr häufig über Restaurants, wenn ich das Gebotene besser, schneller und günstiger zuhause hätte machen können. Diese Gefahr besteht bei diesem libanesischen Restaurant wirklich nicht: Das Hauptaugenmerkt liegt auf Mäsa, der libanesischen Spielart von Meze. Es kommen zahlreiche kleine Teller mit Spezialitäten – wollte man das zuhause nachkochen, hätte man den Tag nichts mehr vor. Die Karte enthält eine große Auswahl kalter und warmer Kleinigkeiten, einige Hauptgerichte und drei Varianten der Mäsa, wovon eine vegetarisch und damit uninteressant ist. Primär kann man die Mäsa, die offensichtlich das Hauptgeschäftsmodell bilden, in normal (Lubnanieh) und luxus (Les Cédres) bekommen. Wir haben mit drei Personen zwei der normalen Varianten und einige zusätzliche Sachen bestellt, was eine sehr gute Idee war; so bekamen wir zusätzlich zu Hummus, Labne, Mtabbal, frittierten Hefetaschen, Hühnerflügel und verschiedensten Salaten auch die extrem empfehlenswerten Falafel und das Lammtartar, ohne das ich jetzt auch nie wieder nach Hause gehen kann. Die geschmorten Lammzungen waren gut, sind aber beim nächsten mal verzichtbar. Dass es soviel Brot dazu gibt, wie man essen kann, versteht sich von selbst. Wenn man mit den Mäsa durch ist – und man schon ziemlich satt ist – passieren noch zwei erwähnenswerte Dinge: Erstens kann man nachbekommen, die Kellner ermutigen einen geradezu. Das gehört zum Konzept und natürlich bezahlt man das mit, aber man fühlt sich trotzdem gut behandelt. Und zweitens hat man im Normalfall übersehen, dass noch eine große Platte mit Fleischspießen kommt. Die Orgie hat gerade erst begonnen.

Günstig ist die Nummer nicht. Dafür ist die Qualität der Speisen durchgehend sehr hoch, alles schmeckt ganz ausgezeichnet, der Service ist schnell und sehr nett und man hat im Normalfall noch genug Essen für eine weitere Mahlzeit, das natürlich gern eingepackt wird. Ich fühlte mich nicht einen Moment, als hätte ich für irgendwas zuviel bezahlt. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen –  das nächste mal mit noch mehr Leuten, damit wir noch mehr kleine Köstlichkeiten probieren können.

Eine Reservierung ist schon empfehlenswert, der Laden ist meistens voll.

Wertung:
Essen: 9,5 /10
Service: 9,5 /10
Sauberkeit: 9 /10
Preisgestaltung: 8 /10
Ambiente: 8 /10

Gesamtergebnis: 5 von 5 Vanilleeiskugeln mit Senf und Gürkchen

Restaurant Les Cedres

Warendorferstraße 161
48145 Münster
Telefon: 0251-9226629

Öffnungszeiten: Täglich 17:30 – 24:00Uhr

Hochland Käse Griller „Klassik“

Posted in Essen & Trinken, Getestet on 2. Juni 2015 by bic_mac

Buch Herbert, 3,24: „…kommste vonne Schicht, watt bessres gibbet nich, als: ne Currywurst.“

Und sehet, ich kam von der Schicht. Und glaubet, ich trug diese Worte in meinem Herzen als ich durch den REWE wandelte. Und fraget: Warum zur Hölle hast du dann dieses Lebensmittelersatzstoffimmitat gekauft?!

Man verzeihe mir diese Einleitung mit leichtem Pathos, aber während ich diese Zeilen schreibe überkommt mich eine tiefe Demut und ich stelle mir fortwährend die gleiche Frage. Soweit ich meinen Gedankengang rekonstruieren kann, muss er ungefähr wie folgt gewesen sein: „Och Abendessen wäre nett. Vielleicht lecker Nürnberger Rostbratwürstchen? Oder mal wieder einen gescheiten Ofenkäse? Oh! Was ist das? Käse in Wurstform? Mal ausprobieren.“ Drei Warnsignale auf der Vorderseite der Verpackung ignorierte ich sträflich:

  1. Den Hinweis: „OHNE FLEISCH“
  2. Die Bezeichnung „Klassik“ neben dem Aufdruck „NEU“
  3. Das Deppenleerzeichen in der Produktbezeichnung

Ad unam: Merke: Wenn ein Lebensmittel, welches traditionellerweise aus Tier besteht, mit dem Aufdruck „OHNE FLEISCH“ versehen ist, dann kann etwas nicht stimmen. In diesem Fall: Würste sind in Wurstform, damit sie Würste sind und kein Hackbraten. So einfach. Biomüll in Wurstform hingegen wird nicht zu Wurst, sondern zu getarntem Biomüll.
Ad secundam: Der Widerspruch ist offensichtlich. Es ist ja nicht so, als gäbe es seit 1623 die Zunft der Käsegriller, welche in althergebrachter Weise aus Käse, Sahne, Natriumascorbat, Calciumalginat und anderen natürlichen Zutaten in mühsamer Handarbeit Würste klöppeln und sich in langer Zeit eine „klassische“ Herstellungsmethode entwickelt hätte.
Ad tertiam: Käse Griller?! Seriöslich?

Man kann es sich an diesem Punkt sicher denken: Die Dinger sollten nicht gegessen werden und nur unter ständigem Rühren in den Sondermüll verklappt werden. Dem vom Nachbarn natürlich, das Zeug frisst sich selbst durch emailliertes Blech. Geschmacklich stand ein Laufschuh nach einem Marathon Pate, die Haptik orientiert sich stark an einem lange benutzten Küchenschwamm.
Das nächste mal doch lieber wieder nen echten Fettbolzen.

Die Nummer mit dem Pesto – Bärlauchpesto selbst gemacht

Posted in Essen & Trinken on 14. April 2015 by Herr Grau

Seit einigen Tagen sprießt wieder in rauen Mengen der Bärlauch, sodass man – wenn man denn weiß, wo – gar nicht so viel pflücken kann, wie nachwächst. Ich habe beschlossen, auch noch einen Beitrag zu schreiben, um mal richtig zu zeigen, wie man mit Pesto kocht. Man kann vergleichsweise viel falsch machen und das ist wirklich schade um das liebevoll handgemachte oder teuer gekaufte Pesto.

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Ich mache Pesto größtenteils nach Gefühl, aber es kommt auf etwa anderthalb Teile Bärlauch (oder Basilikum) zu je einem Teil Käse und Pinienkernen aus. Als Käse kann man nur geriebenen Parmesan oder gleiche Teile Parmesan und Pecorino nehmen – in meinem Fall gab’s nur Parmesan. Pinienkerne kann man zu Teilen relativ ungestraft durch Cashews ersetzen. Schlagt mich ruhig, der Unterschied im Geschmack ist recht gering, die Ersparnis gewaltig. Wir sind ja nicht alle Krösus. Ich mag die Nüsse übrigens in Pesto ungeröstet lieber, aber das kann man halten wie die Dachdecker.

Das Ergebnis wird tatsächlich besser, wenn man es im Mörser zubereitet. Mixer geht zwar, aber den Unterschied schmeckt man tatsächlich: Nüsse und Blätter werden ganz anders aufgeschlossen, die Konsistenz des Endprodukts wird anders. Pro ca 75g Blätter werden also etwa 50g Pinienkerne mit 50ml gutem Olivenöl und einer Zehe Knoblauch und und einem Teelöffel Salz im Mörser zerstoßen. Dann mit einer Gabel den geriebenen Käse untermischen und noch deutlich mehr Olivenöl zugeben, bis die Konsistenz stimmt.

Bärlauch sollte man nicht mit Maiglöckchen verwechseln, sonst gibt es Vergiftete. Blatt anbrechen und riechen ist eine absolut sichere Probe.

Die meisten Rezepte hören an dieser Stelle fatalerweise auf. Hier wird es aber richtig wichtig! Anders als bei anderen Saucen werden die Nudeln nicht im Pesto zuende gekocht, denn Pesto darf nicht stark erhitzt werden. Daher Nudeln nicht wie gewohnt unterkochen, sondern auf den Punkt al dente. Und jetzt ganz wichtig: Pastawasser auffangen und mit ca anderthalb bis zwei EL Pesto p. P. zu einer cremigen Sauce anrühren. Es gibt nichts traurigeres als gutes Pesto, das trocken unter Nudeln gerührt wird. Salzen und pfeffern nicht vergessen.

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Als Nudeln bieten sich Spaghetti, Linguine oder die traditionellen Trofie an. Ich hatte nur Marfaldine und es ist Sonntag. Also die, schmeckte auch gut. Ich mag es, Nudeln mit Pesto mit gerösteten Semmelbröseln zu bestreuen.
Guade!

Paté de Atum

Posted in Essen & Trinken on 13. April 2015 by Herr Grau

Seit zwei meiner Freunde aus dem Portugal-Urlaub Paté de Atum, also Thunfisch-Pâté, mitgebracht haben, zog mich eine unsichtbare Kraft immer wieder in die Küche, um mich wieder und wieder an der Herstellung zu probieren. Das Internet war leider wenig Hilfe, die Rezepte laufen immer auf „mische Thunfisch, Zwiebeln und Mayonnaise“ raus. Danke, so weit war ich auch schon. Jetzt bin ich endlich bei einem Rezept angekommen, das ich guten Gewissens an die Wand nageln kann – was dadurch bewiesen wird, dass das Pâté ständig auf mysteriöse Weise aus dem Kühlschrank verschwindet…

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Dose Thunfisch in Öl (abgegossen)
1 Schalotte (oder sehr kleine Zwiebel)
1 Zehe Knoblauch
1 sehr weich gekochtes Ei
3-4 EL Miracle Whip (Tötet mich nicht, es schmeckt besser als mit Mayo! Ich wollte es doch selbst nicht glauben…)
1EL Pflanzenöl
2TL Sojasauce
1TL Mittelscharfer Senf
Spritzer Balsamicoessig
Spritzer Maggi
Spritzer Wochestershiresauce
Messerspitze Pimenton
Salz, Pfeffer
Petersilie

Zubereitung:
Topf mit ausreichend Wasser füllen, Ei hinein, Deckel drauf und Hitze voll auf. Sobald es kocht, Hitze aus, Topf vom Feuer ziehen und viereinhalb Minuten mit geschlossenem Deckel ziehen lassen. Ei abschrecken, pellen und mit allen anderen Zutaten außer der Petersilie pürieren, bis es seidig glatt ist. Dann Petersilie zugeben und kurz unterpürieren. Abschmecken.

Guten Appetit!