Probleme des Lebens #19

Posted in smile and look alive on 7. August 2012 by Herr Grau

Ich gucke, wofür die Mehrheit ist und stell mich dann dagegen.

Una Pizza, per favore!

Posted in Essen & Trinken, smile and look alive on 29. Juli 2012 by Herr Grau

Die Pizza ist eines der beliebtesten Gerichte der Welt, so heißt es. Zumindest für einen Originalitätsfanatiker wie mich ist diese These allerdings völliger Humbug, was in den TK-Regalen und Dönerbuden angeboten wird, hat mit dem Vorbild aus Bella Italia wirklich nur noch Namen und grobe Geometrie gemeinsam. Manche Menschen haben der Kreation der perfekten Pizza ihr Leben gewidmet – vielen hiesigen Anbietern scheinen fünf Minuten schon fast zu viel. Ensprechend bekommt man dann einen ausgerollten Teig, der im Schwarzblechteller, natürlich mit viel Gouda belegt, bei 250° nach Celsius verbacken wird. Wenn man das Referenzstück aus Neapel daneben legte, man käme vermutlich nicht direkt auf die Verbindung. Ich verstricke mich natürlich schon wieder in wüste Pöbeleien, ohne bis dato auch nur eine brauchbare Information abgegeben zu haben. Aber so viel Zeit muss sein.

Im Folgenden will ich zu umreißen versuchen, was es Wichtiges über Pizza zu wissen gibt und wie man selbst in den Gefilden seiner heimatlichen Küche eine schmackhafte Pizza erzaubern kann.

Geschichte

Historisch gesehen ist die Pizza ein Produkt konstanter Evolution, deren Vorläufer es sicherlich schon mehrere tausend Jahre gibt. Die Verwandtschaft zu Flammkuchen, Pita, Focaccia und Lamacun ist nicht zu übersehen, aber natürlich stellt sich die Frage, ab wann man dem ganzen den Namen „Pizza“ gibt – und wie weit dieser Name reicht. Nicht einmal die Wortherkunft ist umfassend geklärt; ob das Wort vom lateinischen Dialektwort „Pinza“ (Gebäck) oder aus dem neapolitanischen von „piceá“ (Zupfen) kommt – oder gar aus einem ganz anderen Kontext – ist unklar. Was wir allerdings wissen, ist, dass es sich gerade die Leute aus Neapel zu einem edelen Ziel gemacht haben, Teig vermittels Tomaten und Käse zu einem exqusiten Stück hocharkaner Lebensqualität zu veredeln. Fakt ist auch, dass die Tomate kein autochtones Gewächs Italiens ist, sondern erst in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts dort populär wurde, nachdem sie aus Übersee mitgebracht worden war. Wesentlich bevor es Tomaten gab, ist es unwahrscheinlich, dass sie zum Belegen von Pizzen benutzt worden sind, wagen einschlägigen Chronologie-Experten zu behaupten. An diesen Punkt setze ich persönlich das Ende des anderen Brots und den Anfang der Pizza.

Anfangs handelte es sich um einen Hefebrotteig, der zu einem Fladen verarbeitet, mit Tomaten, Olivenöl und Basilikum belegt und dann vom örtlichen Bäcker für die Familien ausgebacken wurde. Heute spiegelt sich diese Zubereitungsart noch in der Pizza Marinara wider, die also vermutlich das authentischste Pizzaerlebnis darstellen dürfte. Den bahnbrechenden Durchbruch in der Flachbrottechnologie darf man um etwa 1880 vermuten. Etliche Pizzerien hatten zu diesem Zeitpunkt schon herausgefunden, dass Käse das eine Kondiment ist, das der ganzen Geschichte eine einmalige Magie verleiht. Die Geschichte, Raffaele Esposito von der Pizzeria Brandi habe diese Zubereitungsform entwickelt, als ihm geheißen ward, für Königin Margharita eine Pizza zu erfinden, ist inzwischen widerlegt.

Tatsachen

Bei genauer Recherche lassen sich wirklich wenige feste Rahmenpunkte festsetzen, an denen nicht gerüttelt wird. Weder der Käse (siehe bspw. o.g. Pizza Marinara) noch die Tomaten (z.B. Pizza Bianca) sind in der Erden fest gemauert, einzig die Verwendung von Hefeteig stellt eine Konstante dar – aber auch hier gibt es unzählige Zubereitungsmöglichkeiten und Teigstärken. Es ist also auch mächtig schwierig, einen solchen Artikel zu schreiben. Und wie immer, wenn die Spielräume für konkrete Aussagen einfach zu groß sind, schränke ich sie einfach durch schiere Willkür ein. Denn ich bin in Italien inzwischen etlich herumgekommen und eines steht für mich fest: Die Pizza Neapolitana ist die Krone der Pizzakunst. Die New Yorker Pizza soll ihr diesen Titel zwar zumindest streitig machen, aber da ich noch nie transatlantisch war, kann ich mir hierzu kein Urteil erlauben. Entsprechend wird im Folgenden die Pizza der Neapolitaner als Referenz herangezogen.

Eine einzige Tatsache steht für sich allein und ist ein ziemlich untrügerisches Qualitätskriterium: Die Kruste sollte auch kalt lecker zu essen sein, dann ist der Teig von guter Qualität. Man sollte nie vergessen, dass es sich beim Pizzabacken im Ursprung um das Backen von Brot handelt. Entsprechend sollte der Teig auch die Qualität eines guten Brotes aufweisen.

Kleine Teigkunde

Wie man das erreicht, mag für einige Leute umstritten sein, für mich ist es kein Geheimnis mehr: Eine sehr lange Teiggare mit sehr wenig Hefe führt zu dem allerbesten Brot. Je mehr Hefe und je schneller die Gärung angesetzt ist, desto schlechter wird das Ergebnis. Egal, wo man hinschaut, ob es jetzt Kesté ist, Jim Lahey von der Sullivan Street Bakery oder Amy Scherber – dieser Fakt ist unter den echten Fachleuten ein offenes Geheimnis. Entsprechend entsteht ein guter Pizzateig mit extrem wenig Hefe und gebremst durch ausreichend Salz.

Hergestellt wird der Teig aus Weizenmehl. Die Italiener haben das Glück, das Pizzamehl der Caputo-Mühle beziehen zu können, das in quasi allen hochklassigen Etablissiments eingesetzt wird – dem Allemannen war Fortuna so hold leider nicht. Man kann zwar Mehl Tipo 00 finden und auch Pizzamehl, aber das hilft uns wenig – Tipo 00 bezeichnet lediglich den Mahlgrad und sagt nichts über die Zusammensetzung aus, Pizzamehl wäre da zwar schon besser – es ist vom Müller mit mehr Gluten ausgelegt -, leider habe ich auch da noch kein gutes Mehl ausfindig machen können. Mir enthalten die meisten Pizzamehle zu viel Gluten, sodass ich sie 50:50 mit normalem Allzweckmehl mische, um eine nicht zu zähe Pizza zu bekommen. Aber auch mit normalem deutschen 405er-Allzweckmehl lassen sich durchaus gute Ergebnisse erreichen.

Wasser kann man übrigens wirklich gut aus der Leitung nehmen, außer es ist extrem hart. Dann bietet sich vielleicht doch stilles Wasser aus der Flasche an. Ich glaube, der Aufriss, den einige der New Yorker Pizzabäcker um ihr Wasser machen, ist ziemlicher Budenzauber.

Mein Teigrezept kommt von Roberto Caporuscio von Kesté. Ich habe lediglich die Hydratation etwas gesenkt, da mein elektrischer Steinofen nicht so heiß macht, wie ein Holzofen. Wer einen Holzofen sein wohlfeil Eigen nennt, der ist mit 60% Hydratation, also 1080g Wasser, besser bedient. Wer diese Pizza im Backofen zu backen plant, der ist mit den 55,5% hier gut beraten.

Ergibt 10 Teiglinge:

Mehl (100%): 1800g
Wasser (55,5%): 1000g
Frischhefe (.075%): 1,35g
Salz (2,5%): 45g
Total (158,131%): 2846,35g
Einzelne Kugel: ~285g

Erst einmal: Ja, 1,35 Gramm Hefe auf 1800g Mehl. Die meisten Leute werden hier schon stutzig bzw. wissen nicht, wie sie eine so kleine Menge überhaupt abwiegen sollen. Ein alter Bäckertrick ist, sich der wiederholten Division zu bedienen: Ein Hefewürfel hat 42g, teilt man ihn einmal, so hat eine Hälfte 21g, diese hat geteilt wieder 10,5g, nochmal geteilt 5,25g, nochmal 2,65g, nochmal 1,33g. Fünfmal das Reststück teilen also und man hat die richtige Hefemenge. Wer dafür eines Hilfsmittels bedarf, dem seien die Finger seiner nicht führenden Hand angeraten – die Menge ist den meisten Fällen mit fünf sehr passend angelegt.

Los geht’s: Die Hefe in raumwarmem Wasser auflösen. Mehl hineingeben, dann wird etwa zwanzig Minuten geknetet. Nach einer Minute wird das Salz zugegeben. Wenn man von Hand kneten möchte, kann man nach etwa fünf Minuten mischen gut damit anfangen – bei mir macht es vollständig die Maschine (oder der Gast). Teig in eine Plastikschüssel geben und bei Raumtemperatur 24h gehen lassen (Raumtemperatur meint übrigens etwa 18 bis 20° Celsius). Danach portionieren und zu Bällen schleifen. Etwa sechs bis acht Stunden abgedeckter Aufbewahrung später können sie benutzt werden, und ab da noch etwa zehn Stunden.

Als ich mit dem Pizza-Machen angefangen habe, hatte ich noch nie etwas vom „Schleifen“ oder „Rundwirken“ gehört, das ist also keine Schande. Grundsätzlich handelt es sich um eine Technik, um außen Spannung in den Teig zu bringen. Das Ganze klingt schwerer als es ist, zumindest für einen Pizzateigling: Man platziert das Teigstück auf einer nicht bemehlten Oberfläche und stülpt seine hohle Hand darüber. Dort wird es mit leichtem Druck im Kreis gerollt, als würde man einen Tennisball umher rollen. Nach etwa zehn bis zwanzig Sekunden sollte man einen runden Ball erzeugt haben. Die weitere Teigverarbeitung findet sich im Abschnitt „Backen“.

Sonstige Zutaten

Was man gerne auf seine Pizza legt, ist natürlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die meisten Leute werden aber eine Grundlage aus Tomaten und Käse wollen, andere Pizzen dürften sporadische Exoten sein.

Bezüglich der Tomaten sei auf meinen Artikel zu San Marzano Tomaten hingewiesen. Bei einer einfachen Sache wie Pizza zählt wirklich ausschließlich die Qualität der Zutaten, hier ist doppelt und dreifache Sorgfalt angeraten. In einer Zeit, wo immer mehr Supermärkte San Marzanos im Programm haben, gibt es eigentlich kaum eine andere Wahl. Wenn man partout keine bekommen kann, seien die Produkte der Firma Mutti von mir ebenfalls empfohlen. Die Tomaten werden passiert und lediglich mit Salz, Pfeffer und etwas gutem Olivenöl so weit eingekocht, dass eine etwas dickere Sauce entsteht. Das ist bei einer Dose in wenigen Minuten gemacht.

Was den Käse angeht, so kann man sowohl Büffelmozzarella nehmen wie auch guten Kuhmilchmozzarella. Renommierte Pizzerien wie z.B. Da Michele in Neapel nutzen Kuhmilch-Produkte, da braucht man gar nicht anfangen zu mosern. Die Crux an der Sache ist, dass die Protein-Bollen, die hier teilweise als Mozzarella angeboten werden, mit dem Ursprung mal wieder nicht allzu viel gemein haben. Ein guter Kuhmilch-Mozzarella, der auch wirklich nach etwas schmeckt, ist schwer zu finden und fast genauso teuer wie sein Pendant aus Büffelmilch. So ist es nun mal in der Welt – von nichts kommt nichts. Ich kann übrigens nur anraten, den Mozzarella frühzeitig zu schneiden und gut abtropfen zu lassen, evt. einige Stunden vorher und auf Küchenpapier, das von sich aus noch etwas aufsaugt. Ansonsten wird der Käse stark siffen und die Pizza schwimmt, zumindest im Elektroofen. Ein Steinofen braucht die Feuchtigkeit eventuell sogar.

Backen

Diese Rubrik zu schreiben, ist wirklich ein Graus. Denn eigentlich wird Pizza in einem holzbefeuerten Steinrundofen gebacken, Punkt. Nun liegen die einem dummen Zufall halber nicht auf der Straße herum. Was tun? sprach Zeus.

Wer natürlich Zugang zu einem Holzofen hat, der ist ein glücklicher Mensch. Mit Flammkuchenöfen aus Blech habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Wer das Geld ausgeben will und dessen primäres Ziel Pizza ist, der sollte nach einem Rundofen schauen und nicht nach einem zwei-Etagen-Ofen. Der Ofen wird ordentlich angefeuert, dann wird das Feuer in eine Ecke verlagert, wo es lodernd brennen sollte, damit genug Oberhitze vorhanden ist. Der Ofen sollte so heiß sein, dass die Pizza in 45 bis 90 Sekunden fertig ist, wobei die Pizza einmal gedreht wird, da das Feuer auf einer Seite ist. Idealerweise zeigt sich das s.g. „Leoparding“ am Rand, also viele kleine Luftblasen, die von außen stärker anbräunen. Der Mozzarella sollte geschmolzen aber nicht gebräunt sein. Das gilt auch für alle anderen Backmethoden!

Wer nun keinen Holzofen besitzt und sich auch nicht zeitnah in den Besitz eines solchen setzen kann, der ist auf Improvistation angewiesen. Generell stehen zwei Wege offen:
Erstens im heimatlichen Backofen und zweitens draußen auf einem modifizierten Grill.

Pizza auf einem Blech machen zu wollen, kann man sich dabei schon mal getrost abschminken. Ein Pizzastein tut not, an mehreren Ecken des Internets sind die für halbwegs erträgliches Geld zu haben. Die Backfläche des Steins sollte dabei etwa 6,5cm unter dem Grill platziert sein. Der Ofen wird dann auf maximaler Temperatur in normaler Einstellung (O/U-Hitze oder Umluft) etwa 40 Minuten durchgeheizt, sodass der Stein volle Temperatur hat. Dann wird der Grill eingeschaltet. Man darf dem Ganzen dann noch einmal fünf Minuten geben, sodass der Stein eine richtig heiße Oberfläche bekommt. Jetzt ist etwas Experimentieren gefragt: In einigen Fällen wird der Boden schneller durch sein, als die Oberseite der Pizza, was das Anheben des Gebäckstücks vermittels Schieber erfordert, sodass nur die Oberseite gefinished wird. Das Ganze sollte etwa als dreieinhalb bis vier Minuten dauern, würde ich veranschlagen, aber jeder Ofen wird sich hier anders verhalten. Zwischen zwei Pizzen gebe man dem Stein jeweils fünf Minuten unter dem Grill, um wieder auf Temperatur zu kommen.

Die zweite Möglichkeit ist das geistige Kind eines extrem innovativen Zeitgenossen aus dem Pizzamaking.com-Forum, der sich dort „Villa Roma“ nennt. Es handelt sich um die Zubereitung in einem mit Wokbrenner modifizierten Kugelgrill, dem s.g. „Little Black Egg“. Diese Variante ist etwas aufwändiger als die Zubereitung im Backofen, gibt aber enorm gute Ergebnisse. Es ist wesentlich einfacher, wenn ich an dieser Stelle einfach auf den Thread vom GSV-Mitglied SmoKing verweise, der das ganze Konzept verbessert aufgebaut und dokumentiert hat, anstatt es ausschweifend zu beschreiben. Bilder sagen mehr als tausend Worte und nicht zuletzt habe ich von der Methode wesentlich weniger Ahnung:
Hier ist der Thread zu finden.

Hat man nun die Backgegebenheit seiner Wahl eingerichtet und entsprechend heißgebetet, geht es endlich an’s Pizzabacken. Eine letzte wichtige Sache, die tatsächlich die Qualität der Pizza enorm beeinflusst, ist das Formen der Pizza. Wer anfängt, das gute Stück auszurollen, wird aus dem Fenster geschmissen. In diesem Video von CHOW.com zeigt Toni Gemignani exzellent, wie man den Teig auszieht:

Auch dass man am besten eine Kombination aus Mehl und Semolina (Hartweizengrieß) benutzt, deutet er an, eine Sache, die sich selbst zu vielen Profis noch nicht durchgeschwiegen hat. Ich mehle meinen Teig leicht, wenn ich ihn in die Hand nehme und arbeite dann vollständig auf Grieß. Das spart einem dicke Mehlstellen am Pizzaboden, die man dann mitessen darf.

Die Pizza wird also ausgezogen, nach Gusto belegt (Belag über Käse!) und dann auf einen Pizzaschieber gezogen, wo man sie ein letztes Mal breit zieht. Man kann so einen Schieber entweder kaufen oder mit wenig Aufwand improvisieren. Ein Brett aus Pappelsperrholz um ein paar Cent kann man vermittels Laubsäge in dreißig Sekunden mit einem Griff versehen und die Arbeitskante mit etwas Schleifpapier anschleifen, sodass man die Pizza auch wieder darauf bekommt. Dann wird das Gebäck eingeschossen und wie oben beschrieben gebacken.

Der Aufwand lohnt, die Pizza ist einfach nur der Hammer. Das gezeigte Exemplar kommt aus meinem Stromofen.

Pasta alla Carbonara

Posted in Essen & Trinken on 24. Juli 2012 by Herr Grau

Wer vital leben will, muss schon mal Abstriche machen. Es kann nicht immer nur rohe Gurke und geriebener Rettich sein, machmal muss man, auch wenn es einem vielleicht erst einmal eher unangenehm ist, Nudeln in Käse und Speck ertränken. Die Gesundheit geht vor und sie wird es Ihnen danken.

Nudeln nach Köhlerart sind vermutlich nach dem zweiten Weltkrieg aus den Trockenei- und Speckrationen der Besatzungstruppen in Italien entstanden und leider nicht, wie viele romantische Geschichten es uns erzählen wollen. Heute auf jeden Fall gehört die Carbonara zu den Klassikern der italienischen Küche und jeder hat schon mal eine gegessen. Oder er glaubt es zumindest.

Die Carbonara ist nämlich nicht, wie hiesig ansässige Gastronomendarsteller es uns glauben machen wollen, eine Sahne-Sauce, sondern basiert auf Ei und geriebenem Parmesan. Ich gebe einen kleinen Schuss Sahne dazu, aber nur für etwas Bindung und Abrundung. Das macht daraus aber immer noch keine Rahmsauce und das ist mir schon wichtig zu betonen. Denn Pasta alla Panna ist zwar auch lecker, hat aber eben damit nicht viel zu tun. Wenn ich Carbonara bestelle, möchte ich nicht einen Butterkeks-Mojito-Kuchen kriegen, sondern das, wonach mein Geist ursprünglich gierte.

Um jetzt in den Genuss von oben besungenen Gericht zu kommen, gebe man Nudeln in kochendes Salzwasser – es empfiehlt sich eine robuste Pasta, Penne oder Bavette funktionieren zB sehr gut – und brät etwa 100g gewürfelten Speck pro Person an. Idealerweise käme hier natürlich Pancetta zum Einsatz, aber normaler Bauchspeck tut es auch. Carbonara ist ein eher rurales Gericht, da darf es auch mal mit deutschem Speck zugehen. Wenn der ansprechend aussieht, löschen wir die Pfanne mit einem großen Löffel Nudelwasser ab (und, so man denn will, einem Schuss Sahne), lassen das etwas einkochen und ziehen die Pfanne vom Herd. Derweil haben fleißige Händchen etwa 50g Parmesan pro Person gerieben und mit einem Ei pro Person verschlagen. Salz, Pfeffer und gehackte Petersilie stehen bereit. Nudeln abgießen und in die Pfanne geben, Käse-Ei-Masse unterziehen. Ab jetzt nicht mehr erhitzen, sonst stockt uns das Ei und wir haben Rühreinudelpampe. Salz, Pfeffer, Petersilie zugeben und unterziehen. Das Ganze servieren wir der hungerigen Masse und geben idealerweise noch etwas frisch gemahlenen Pfeffer auf die angerichteten Portionen, das Aroma bringt den letzten Kniff.

Guten Appetit – und Ihren Koronargefäßen: Adieu.

Probleme des Lebens #18

Posted in Probleme des Lebens, smile and look alive on 17. Juni 2012 by Herr Grau

Die „Breite Straße“ ist eine der engsten Straßen von ganz Göttingen.

Probleme des Lebens #17

Posted in Probleme des Lebens on 7. Juni 2012 by Herr Grau

„Meinen Sie das normale oder das geographische Rechts?“

Ode An Den Vatertag

Posted in German Heaven, smile and look alive on 17. Mai 2012 by Herr Grau

Eingesperrt sitze ich hinter Glas und sehne dem verlorenen Tag hinterher, der mir so hinterrücks wie -hältig von meiner in Anbetracht der beschriebenen Häresie wohl zu unrecht Bildungsanstalt geschimpften Arbeitsgenerierungseinrichtung meinen vor kaltem Hass verkrümmten Fingern entrissen steht: Der Vatertag, liebster Tag im Jahr jener gebeutelten Spezies, die ihr kärgliches Broterwerberdarsein im Angesicht maternalisch-emanzipatorischer Ansprüche nicht einmal mehr offen auf dem Revers tragen darf.
Kluge Köpfe erwählten schon früh Christi-Himmelfahrt, einen jener Feiertage, die es tatsächlich schaffen, Verständnisdunkel über ihren Darseinsgrund zu breiten, obgleich die Rechtfertigung in tastbarem Großdruck fertig montiert schon im Namen mitgeliefert wird, sodass sich selbst die Lektüre des Handbuch in Althebräisch eigentlich erübrigt. Es ist ein Feiertag, soviel darf feststehen – der unbedarfte, aber scharfsinnige Beobachter erkennt’s an der Geschlossenheit der Einzelhandelslandschaft -, und zwar einer, der der ach so lieben, aber durch Kriegseinwirkung offensichtlich nachhaltig geschädigten Verwandtschaft keinen Angriffspunkt zum Besuch bieten würde. Ein freier Tag also, mit dem lange gar nichts anzufangen war. Man schielte sehnsüchtig auf seine Nöte und fasste schließlich mutig den Entschluss:
Dem Manne ein Fest!

Viel zu oft wird den umherziehenden Herren ein Mangel an Eitel unterstellt; dabei ist die sorgfältige Antat genauso akribisch durchplant und Quelle des Erschafferstolzes wie Auswahl, Temperierung und Logistik der Erfrischungsgetränke. Von welch Genius es schreit, sich eine Fahrradklingel an den Spazierstock zu montieren und keck einen reflektorbeschlagenen Supertrinkerhelm mit einem verspielten Ensemble aus BuntmitNichtsdrunter zu kombinieren! „Traurig“ wird oft gescholten, „wer es nötig hat, den ganzen Tag nur dumm zu saufen“. Ich nenne es einen Triumph der Bescheidenheit, mit Cervisiat im Gegenwert von nicht weniger als 20 europäischen Festgeldeinheiten einen ganzen Tag lang zufrieden zu sein – wie viele Flaschen Wein wurden für teurerer Geld in Restaurants bestellt mit am Ende vollständig gebrechendem Ergebnis? Wer kann verurteilen, wenn Feiernde aller Altersklassen ihre sozialen und biographischen Differenzen, sowie die sorgsam eingeübte und ganzjährig exekutierte Stoizität einmal überspringen und schiere, unverdorbene Freude aus dem gemeinsamen mehrfehlstimmigen Kantat der weltweit anerkannten Ode „Wacholder, Wacholder“ ziehen? Mut gehört dazu, sich zur Einfachheit seines Ichs zu bekennen und es einem egal sein zu lassen, ob das eigene Glück darob verurteilt wird. Urwüchsig, einfach, bescheiden, ehrlich, naturverbunden, mutig und froh – die Qualitäten, die man aus der Gesamtschau der dargebotenen Einzelleistungen ersehen kann, darf uns ein Hinweis sein auf der Suche nach der viel umfragten Schönheit des männlichen Geistes. Wem dieser Schluss ein Rätsel bleibt, dem wird es auch die gesamte männliche Natur wohl bleiben. Tertium non datur.
Wem das alles zu viel ist, der kann sich aber natürlich auch einfach furchtbar einen reinkloppen.

Schokoladenkuchen

Posted in Essen & Trinken on 14. Mai 2012 by Herr Grau

Ich hab lange nachgedacht, ob man den Titel nicht noch irgendwie spezifizieren sollte. Denn wie Claudia von foolforfood, von der ich das Rezept geklaut habe, auch schon festgestellt hat, gibt es doch einen Haufen Entitäten, als die so ein Schokokuchen daher kommen kann, alle Dichte- und Fluffigkeitsgrade wandeln irgendwo unter der Sonne und jeder hat seine eigenen Favoriten. Leider ist mir kein gutes Adjektiv eingefallen, um publikumswirksam zu beschreiben, was die wohlfeile Quelle als „Zwitter aus Schokoladenkuchen und Brownie“ bezeichnet. Muss also ohne gehen.

Erwähnenswert ist vielleicht, dass ich eine etwas schwierige Beziehung zu meinem Backofen hege. Kochen ist Gefühlssache, Backen ist Wissenschaft. Ich kann nachts in der Tundra vor Bischkek mit verbundenen Augen aus einem alten Kaktus und etwas saurer Eselsmilch eine Pastasauce zaubern, aber wenn es ans Backen geht, muss ich mir jeden Erfolg hart erarbeiten. Ich bin also ein kleines bisschen stolz, dass der Kuchen recht gut funktioniert hat. Das Publikum war .. sagen wir mal zurückhaltend begeistert. Schon recht gut, aber nicht fantastisch. Ich kann aber nicht sagen, ob das an mir und meiner völligen Talentlosigkeit im Süßgebäck-Sektor liegt oder am Rezept. Trotzdem: Das Ganze war lecker, das Rezept ist so einfach, dass man es tendentiell auch ohne schriftliche Unterstützung in jeder unmöglichen Situation aus dem Hut ziehen kann und .. ich habe einen Kuchen gebacken, verdammt, und das haben jetzt alle zu erfahren!

Beim Backen ist es von Vorteil – zumindest das habe ich inzwischen schmerzhaft gelernt – jeden Schritt auf den Buchstaben genau auszuführen. Das wollte ich wenigstens erwähnt haben, kann ich doch sonst nicht allzu viele gute Ratschläge mit auf den Weg geben. Na denn los.

Wir brauchen:
250 g dunkle Schokolade, 3-4 Esslöffel Wasser, 250 g Butter, 250 g Zucker, 4 Eier, 250 g Mehl und Puderzucker zum Bestäuben

1. Eine Springform (24 cm Durchmesser) mit Butter ausreiben, kühl stellen und dann mit Mehl ausstäuben. Backofen auf 180 Grad vorheizen.

2. Die Schokolade zerkleinern. Das Originalrezept sagt „Zerhacken“, aber ehrlich: Die Schokoladenpackung ein paar mal aggressionsmildernd auf die Küchenplatte geprügelt – fertig. Einen kleinen Topf mit ein bisschen Wasser füllen und zum Kochen bringen. Schokolade mit 3-4 Esslöffeln Wasser in eine metallene Rührschüssel geben (Achtung, in die Rührschüssel muss noch etlich mehr Zeug passen) und auf den Topf stellen. So schmelzen wir die Schokolade, ohne Gefahr zu laufen, sie ungewollt zu fossilem Brennstoff umzuwandeln, was doch schnell geschafft ist.

3. Die Butter in kleinen Stücken nach und nach unter die geschmolzene Schokolade rühren. Den Zucker ebenfalls unterrühren.

4. Die Rührschüssel vom Topf nehmen und ein Ei nach dem anderen unterrühren. Dann soll die Masse so lang geschlagen werden, bis sie deutlich heller wird – ich habe mir ein Bein ausgerührt, deutlich was getan hat sich da nicht. Im Zweifel einfach bis zum Erschöpfungstod arbeiten.

5. Das Mehl portionsweise zur Schokoladencreme sieben und sorgfältig darunterziehen. Die Backresultate werden erfahrungsgemäß fast immer besser, wenn das Mehl gesiebt wird.

6. Den Teig in die vorbereitete Form geben, glatt streichen und ab in den vorgeheizten Ofen auf der untersten Rille, es möge 50-60 Minuten gebacken werden. Auf dem Kuchen soll sich eine Kruste bilden, die später beim Schneiden leicht bricht; innen soll der Kuchen jedoch noch gut feucht sein. Aus dem Ofen nehmen und in der Form auskühlen lassen.

7. Nach dem Auskühlen mit Puderzucker bestäuben. Diverser Schabernack darf damit natürlich getrieben werden – ich habe einen Muttertagskuchen gebacken, also habe ich orthographisch stimulierend das siegener Wort „MUDDR“ hinein phonetisiert.

Wie gesagt: Lecker und sowohl einfach zu merken, als auch zu machen. Ich kann nur jedem den Backversuch ans Herz legen.

Worte und Dinge #15

Posted in smile and look alive on 11. Mai 2012 by Herr Grau

Kein Applaus für Scheiße.

Hildebrandts Drittes Gesetz

Posted in Angewandte Wissenschaft, smile and look alive on 9. Mai 2012 by Herr Grau

Aus gegebenem Anlass werde ich im Folgenden das bis dato verlorene Gesetz mit Ihnen teilen, mit dem es dem ungarische Anatom György Sándor Hildebrandt erstmals bereits am 7ten Juli 1441 gelang, seine Beobachtung, dass wohlgediehenes Weibsvolk bei Erreichen eines bestimmten Sommerklimas in großen Mengen offenbar aus dem Nichts heraus zu existieren beginnt, mathematisch zu beschreiben. Erst 1931 konnte der deutsche Physiker Prof. Dr. Günter-Wilhelm Zwinger nachweisen, dass der beobachtete Frauenanteil in einer Subraumphasenverschiebung verschwindet und damit tatsächlich formal den Existenzzustand ändert – weshalb die Menge der fluktuierenden weiblichen Wesen heute „Zwinger-Menge“ genannt wird.

Die Formel lautet:

y = tanh ( x – [ e² * π *К + [1/( π * d²)]])

mit
e (Euler’sche Zahl) = 2,71828 18284 59045 23536 …
π (pi) = 3,14159 26535 89793 23846 …
К (Landau-Ramanujan-Konstante) = 0,76422 36535 89220 66299 …
wobei
x   die Umgebungstemperatur in °C,
d   die Anzahl der Tage seit Wetterumschwung  und
y   die Zwingermenge als Teil von 1  
ist.

Bei abgeschlossenem Wetterumschwung ergibt sich der folgende Graph:

Das Gesetz ist heute noch so gültig, wie praktisch, erlaubt es schließlich die korrekte Prädiktion des plötzliche Auftauchens unerklärlich hübscher Damen. Glänzen Sie jetzt vor Ihren Freunden! Drucken Sie den Graph aus und benutzen Sie das vergessene Wissen antiker und keinstenfalls frei erfundener Universalgenies zu Ihrem Vorteil! Fast kostenlos und garantiert nebenwirkungsarm! Dermatologisch getestet! Die Nutzungsgebüren werden automatisch von einem willkürlich ausgewählten Konto abgebucht.

Risen 2 Review – oder: Drei Herren im Wald

Posted in Getestet, smile and look alive on 6. Mai 2012 by Herr Grau

Wer guten Geschmack, erhabenen Intellekt und atemberaubende Schönheit in sich vereint, hat eine Vorbildfunktion, ob er will oder nicht. Glücklicherweise sind mir alle diese lästigen Eigenschaften erspart geblieben, sodass ich, die verbindliche Obligation, im Zweifel wenigstens eine schreckliche Warnung zu sein, ernst nehmend, bequem von der Seite ungehemmt über alles und jeden nörgeln kann. Nun ist es ja ein wohlbekannter und indiskutabeler Fakt, dass Gothic 1 und 2 die besten Computerspiele aller Zeiten sind. Und es würde doch mit dem Beelzebub zugehen, wenn diese Einleitung nicht darauf hinleiten würde, dass ich jetzt anfange, über das neuste Opus Magnum der Exilbochumer Gothic-Macher Piranha Bytes zu nörgeln. Risen 2, nämlich. Release: Gerade eben.

Da Piranha Bytes bei seiner Trennung vom Publisher JoWood 2007 die Rechte an seiner eigenen Serie Gothic verloren hat – was ganz nebenbei den beiden katastrophalen Trotteleien „Götterdämmerung“ und „Arcania“ den Weg geebnet hat -, mussten sie sich etwas neues ausdenken. Das Ergebnis war das 2009 erschienene Risen. Dankbarerweise haben die Jungs aber nur die alten Qualitäten in neue Gewänder geworfen und die Qualitäten, die die Menschen an Gothic fasziniert haben, nicht bahnbrechend verändert. Heißt es zumindest. Gerade dieser Behauptung wollen wir im Folgenden einmal auf den Zahn fühlen. Aber halt: Meine Deutschlehrerin muss sowie schon des nachts ob meines katastrophalen Stils Tränen vergießen; wir wollen sie nicht noch trauriger machen, deshalb schmeiße ich jetzt erst mal ne Runde Einleitungen.

Risen 2 springt mutig in ein neues Szenario: Wo alle seine Vorgänger im mitteralterlichen Setting spielten, begibt sich dieses Spiel in die Welt der Piraten. Es gibt Südsee statt Minental, Wettermäntel statt Rüstungen, Musketen an Stelle von Bögen und – Herz werd warm! – keine Heiltränke mehr, sondern Rum. Den Stein des Anstoßes, so erklärt das Spiel, habe die Erfindung der Feuerwaffe geliefert, danach wurde Schnaps automatisch lecker und gesund und überall flogen plötzlich Papageien herum. Sei’s drum. Trotz Palmen und fässerweise Fitnessbrand ist aber eben alles nicht eitel Sonnenschein. Um genau zu sein liegt die Welt schon in Trümmern, als wir in die Haut des heruntergekommenen – immer noch namenlosen – Helden schlüpfen. Endlich mal werden wir mal nicht an irgend einer Küste angespült und vermissen danach Gedächtnis wie Körperkraft. Das alte Abenteuer ist mitnichten vergessen und wir duften auch kein bisschen nach Meister Proper Bergfrühling. Vielmehr ist der Held von den Ereignissen des ersten Spiels tief gezeichnet, er hat sein Auge durch das dubiose Okkular des Inquisitors verloren und ist der Sauferei verfallen, um seine dunkelen Gedanken zu vertreiben. Monatelang als aufgabenloser Ehrenoffizier in einer Hafengarnison herumzuhocken, die vom Chaos umschlossen ist und daher nicht verlassen werden kann, von morgens bis abends besoffen – da ist es absolut glaubwürdig, dass man etwas abbaut, aber auch, dass die Fähigkeiten recht flott zurück kommen. Dass man innerhalb weniger Tage ein meisterhafter Säbelfechter, gewiefter Dieb und charismatischer Charmeur wird und nebenbei hinterm Rücken mit der Muskete dem Tell-Filius gleich drei Äpfel von der oberen Schwungmasse schießen könnte, wird so immerhin etwas nachvollziehbar. Die Restunsicherheit rationalisieren wir mit dem Wort „Held“ weg. Oder „Weltenlenker“, wie es die Vodootante Emma im Piratennest Antigua nennt.

Zurück zur Story: Das ganze Land wird von den so genannten Titanenlords in Schutt und Asche gelegt. Es gibt noch eine letzte Bastion auf dem Festland und ein paar Inseln und das ist es. Ein besonderes Hühnchen haben wir mit der Meerhexe Mara zu rupfen, deren Kraken Seereisen zu einer etwas unangenehmen Geschichte macht. Für die Menschen uncool, da sie eigentlich ganz gerne mal flüchten würden, für einen Piraten auch mehr weniger geil, weil Piraten und Kraken einfach von sich aus ihre gottgegebene Animosität fühlen. Langeweile alleine wäre für uns schon Grund genug, dem Drecksvieh volles Pfund aufs Maul hauen zu wollen, aber der Gang der Ereignisse wird uns noch die ein oder andere Motivation in den Schoß werfen…

Story ist ein gutes Wort, um uns zum Hauptteil dieses Artikels bezufördern, nämlich der Kritik. Man kann nicht sagen, dass Piranha Bytes je packende Geschichten dramatisch erzählt hätte. Meistens war die Handlung der Spiele in ein paar Worten zusammenfassbar und recht straight forward. Bei der Handlung legt Risen 2 auf jeden Fall einen guten Tacken zu. Es geht in die richtige Richtung, es gibt ein paar schöne Cut-Scenes, einige schicke Wendungen und Entdeckungen, einige tolle Ideen und man hat stets das Gefühl, dass man jetzt besser die Segel hisst und irgendwas zusammen tritt, weil die Welt dann doch auch sonst untergeht. Ich hätte mich über noch mehr davon durchaus gefreut, die Zwischensequenzen hätten häufiger passieren dürfen, man hätte sie gut rendern können und  länger hätten sie auch ausfallen dürfen. Genug Möglichkeiten dafür hätte es absolut gegeben. Die sonstigen Quests sind oft genug von normaler töte-dies-und-bring-mir-jenes-Art, was aber nicht stört, da sie liebevoll designt sind und die Dialoge einfach exzellent geschrieben sind. Der rauhbeinige Charme der Vorgänger ist auch hier wieder mit von der Partie.

Ich komme an dieser Stelle allerdings auch zu einem der größten Kritikpunkte überhaupt: Charaktere und Spiel sind ziemlich blass. Außer einem selbst und der Handvoll, die sich später in unserer Crew findet, gibt es kaum erinnerungswürdige Figuren. Dabei konnten die Piranhas gerade das immer besonders gut: Lustige, wahnsinnige, schrullige, erninnerungswürdige, kurz: Einmalige Typen bevölkerten traditionell die Gothic-Spiele an jeder Ecke. Es gab überall Anekdoten zu erleben, die sich aus dem alltäglichen Irrsinn und den lustigen Leuten ergaben. Alleine deshalb wollte man bei allen Leuten alle Gesprächsoptionen anklicken, immer auf der Suche nach einem Witz, einer Nebenquest, einer Geschichte, einem Hinweis… Es kommt einem etwas so vor, als wollte das Spiel erwachsen werden, in Wirklichkeit verliert es leider viel von seinem Charme. Das Writing der reinen Sprache, der sich die Charaktere bedienen, ist zwar auf dem alten Niveau, aber es fehlt zu oft der Witz und die Originalität. Die Welt teilt dieses Schicksal: Alles ist zwar nach wie vor mit aufopferungsvoller Liebe von Hand gebaut – und das gehört in höchsten Tönen gelobt, das ist eine der großartigen Dinge, die die Piranhas ehrt! -, aber es gibt nicht mehr so viel zu entdecken. Ich habe glaube ich kein einziges Easteregg gefunden, und das, obwohl ich das Spiel wirklich sehr vollständig gespielt habe. Auch besondere Items findet man wenig – und das, obwohl es legendäre Items gibt! Oft genug muss man diese aber bei einem Händler kaufen, was die dümmste Lösung für sowas überhaupt ist. Ich will Hinweise finden und dadurch das ganze dann entdecken, über Dächer springen, einbrechen oder in gewitzten Dialogen den Leuten das gewünschte Stück abluchsen. Oder Quests. Aber doch nicht irgendeinem Hafenheini 2000 Goldstücke an den Kopf werfen, um dann ein legendäres Stück Piratengeschichte zu besitzen. Da wäre wesentlich mehr drin gewesen. Auch wäre es schön, wenn man sich mit den Leuten über die legendären Gegenstände mal unterhalten könnte. Mehr als ein zwei Sätze in herumliegenden Büchern gibt es aber zu fast keinem Item.

Eine Sache, die mich schon bei Risen 1 gestört hat, ist die Menge der Figuren. Wenn man in Gothic 1 durchs Sumpflager gelaufen ist, musste man sich erst mal orientieren. Das ganze war verwinkelt gebaut, überall standen Leute herum, und seien sie auch namenlos und egal. Es gab feste Tagesabläufe für jeden Einzelnen und alles war voller Leben. Nicht nur, dass die Tagesabläufe der Leute radikal zusammengestrichen worden sind – mehr als schlafen und arbeiten tut kaum einer -, es ist einfach völlig unglaubwürdig, dass fünf Leute im Wald eine der Fraktionen und irgendwie für irgendwen bedrohlich sind. Bildlich gesprochen brauchen sich nur zwei der Eingeborenen mal ein Ei klemmen und der ganze Stamm stirbt aus. Es kommt mir so vor, als seien auf den ganzen Inseln insgesamt weniger Leute, als man in Gothic 1 alleine in der neuen Mine gefunden hat. Und das ist einfach quatsch so. Nicht nur sind die Charaktere also gesichtslos, es sind auch kaum welche da. Das kostet gewaltig Glaubwürdigkeit. In Städte gehört Leben und die gefürchteten Eingeborenen sind nicht drei Herren im Wald. So.

Rückschrittig ist auch das Kampfsystem. Das war in Risen 1 noch besser, den neuen „Dirty Tricks“ zum Trotz. Gegen Menschen funktioniert’s halbwegs – auch wenn man schnell raus hat, wan man zuschlagen kann und wann man blocken muss, um jeden Kampf zu gewinnen -, aber gegen Tiere ist es einfach nur stumpfes Geklicke, weil man nicht ausweichen kann. Gerade wenn man vom Witcher 2 verwöhnt ist, hätte man doch gerne ein richtiges Kampfsystem. Es ist doch keine Schande, sowas einfach ein richtig gutes System zu kopieren. Apropos Witcher: Wo der Hexer Gerald der ein oder anderen Dame seine Liebesdienste angedeihen lassen kann, sieht es für den coolen Piraten in Risen ziemlich mies aus. Wo man in Gothic 2 im Hafenbordell gegen Bares noch ein züchtiges Renderfilmchen bekam, steht uns diese Option nicht einmal offen. Auch wenn wir einen riesigen Erdschieber Gold mit uns herum schleppen, ist keine Dame interessiert. Naja, so ganz stimmt das nicht – es gibt eine Sekretärin, die unserem Held auf Erwachsenenart Glück wünschen will, aber diesen Erfolg quittiert uns das Spiel mit einer schwarzen Ausblendung für drei Sekunden. Toll. Mal ganz abgesehen davon, dass wir die ganze Zeit mit der feschen Piratenbraut Patty durch die Gegend segeln, für die wir den ganzen Welt-retten-Scheiß – wenn wir mal ganz ehrlich sind – eigentlich machen, wovon man aber mal gar nichts kriegt. Piranha Bytes hat sich darauf beschränkt, die offensichtliche Zugetanheit der beiden für ein bisschen oberflächlichen Humor zu nutzen, ausbauen kann man die Romanze nicht. Allerdings sieht Pattys Dekoltée auch nicht so wahnsinnig einladend aus.

Womit ich wieder eine meiner berühmten brillanten Überleitungen geschafft habe, zur Technik nämlich. Die Grafik hat eine seltsame Diskrepanz. Die Welt sieht teilweise echt toll aus, ich stand einmal da und hab mir einen ganzen Sonnenuntergang angeschaut, einfach weil’s so schön war. Ich hab doch… irgendwo.. aha! Da ist es, das Bild:

Sonnenaufgang auf Antigua

Wenn man in’s Detail guckt, sieht es aber eben doch recht angestaubt aus. Im Kampf sind die Animationen (dank Motion Capturing, denke ich) flüssig und natürlich, im Gespräch gibt es immer noch die etwas bizzar aussehenden Armbewegungen, die man noch aus Gothic 1 kennt. Dass sich ein kleines Studio keine Hightech-Engine kaufen kann, ist irgendwo klar. Vielleicht gebricht es auch an Manpower, um sowas selbst zu schreiben. Aber das mit den Armen hätte man doch schon mal lösen können… Alles in allem hat mich die Grafik aber selten gestört. Ich bin da zugegebenermaßen aber auch etwas gleichgültig. Meinetwegen könnten die Piranhas mit der Gothic-2-Engine arbeiten, wenn das Restspiel dann gleich gut wird.

Langsam ist mal Zeit für eine Zusammenfassung, bald sind die Buchstaben alle.

Positiv: Tolle, von Hand gebaute Welt – besseres Storytelling mit guter Story – gut geschriebene Dialoge – gute Sprecher – gute Musik – sauber umgesetztes Piratenszenario – „Gothic Feeling“
Negativ: Technik veraltet – Tagesabläufe zusammengestrichen – Berufsfähigkeiten fast überflüssig – Potential legendärer Items wird nicht ausgenutzt – Kampfsystem unterdurchschnittlich – Witz und Charme leiden unter der Abwesenheit ausgeflippter Charaktere, Eastereggs und Anekdoten – unglaubwürdig wenige Charaktere – schlechter Umgang mit Sex und Romantik

Fazit: Ich hab Risen 2 schon frenetisch und gerne gespielt, es ist ein wirklich tolles Spiel, für einen Gothic-Fan ist es auf jeden Fall Pflicht. Eigentlich würde ich da gerne einen Punkt machen, aber leider hat es eben aber auch merkliche Probleme, was umso ärgerlicher ist, weil viele davon so einfach hätten vermieden werden können, einige Sachen waren sogar in den Vorgängern schon mal besser gemacht worden! Gerade das Piratenszenario hätte so viele Chancen auf lustige und skurile Situationen und Charaktere gehabt, es tut weh, wie wenig davon Gebrauch gemacht wurde. Das DLC für 10€ – das ich als Vorbesteller umsonst bekommen habe – übrigens ist absolute Nepperei. Ich habe es in einer Viertelstunde durchgespielt, es ist sehr lieblos, sehr viel zu einfach und sein Geld kein bisschen wert. Vermaledeite Geldschneiderei.
Ich würde das Spiel trotzdem jedem ans Herz legen, spätestens, wenn man es bei Steam mal günstig kriegt. Denn die negativen Punkte sind ärgerlich, aber im Endeffekt haben sie keine Schnitte, das Tolle am Spiel kaputt zu machen. Steckt jede Menge Liebe drin. Und jede Menge Gothic.