Framoise Boon Himbeerbier

Posted in ... weiter nichts als Bier on 13. März 2014 by Herr Grau

boonArt: Lambisches Bier mit echten Himbeeren, 5,5% Alkohol

Geschmack: Ein deutliches, reifes und sehr dunkles Himbeeraroma und die tiefrote Farbe lassen Assoziationen aufkommen und verheißen, dass man gleich einen Mund voll Himbeeren haben wird. Und tatsächlich will man das im ersten Moment des Antrunkes glauben: Wenig eher mittelgrobe Kohlensäure begleitet den Anfang einer Geschmacksentfaltung wie beim Biss in Himbeeren – nur, um dann jede Süße vermissen zu lassen und einfach nur sehr sauer zu werden. Die Nackenhaare stellen sich auf. Es ist eine Säure, die man von einem etwas zu gut gemeinten Rieslingsekt erwarten würde, nicht die kontrollierte und sanfte Fruchtsäure von etwas zu wenig reifen Himbeeren. Es bleibt ein entschieden weinig-sektiger Nachgeschmack im Mund, nachdem der Fruchtgeschmack sich nach recht kurzer Zeit verloren hat, den ich als unangenehm empfinde.

Flasche: Ganz hübsch und wie die meisten Sauerbiere eine Sektflasche, die auf Flaschengärung hinweist.

Preis: 6,49€ für 375ml .. leck mich wo ich schön bin! Das ist en par mit richtig teuren Sekten.

Gesamt: Wenn man Sekt trinken will, dann kann man das doch einfach tun. Das Konzept des Sauerbiers hat mich immer schon tief verstört, aber in diesem Fall ist es ganz besonders enttäuschend. Und die Belgier begreifen vor allem einfach nicht, dass man nicht alles bis auf den Arsch durchgären muss, scheint mir, jedes Bier braucht eine Ausgewogenheit in sich. Ich gehe davon aus, dass auf eine ordentliche Dosage vollständig und schändlich verzichtet wurde. Ein bisschen Süße und dieses Bier hätte etwas ganz besonderes sein können. So schmeckt es einfach wie ein deutlich zu saurer Sekt mit Himbeer-Geschmack. Pfäh. Dieses Erlebnis lässt sich mit einer halb so teuren Flasche Sekt und etwas Himbeersirup meines Erachtens deutlich besser haben.

Musik & Melodey #2 – Ray LaMontagne

Posted in Musik & Melodey on 1. März 2014 by Herr Grau

Er ist ein ehemliger Arbeiter aus einer Schuhfabrik, er hasst Aufmerksamkeit, Interviews und sogar Konzerte, teilweise spielt er sie hinter einem Vorhang oder vom Publikum abgewandt. Als seine Frau nach einer langen Tour seine geliebte Gitarre zerschlägt, ordnet er seine Prioritäten neu und lehnt für Jahre weiteres Touren ab. Nach allen Regeln der Kunst sollte Ray LaMontagne schon lange, laaange von der Bildfläche wieder verschwunden sein, hat das heutige Business doch wenig Geduld für PR-unwirksame, geschäftsschädigende Marotten von Künstlern – selbst wenn es sich um etablierte Stars handelt. Und der gute Mann ist mitnichten einer. Genau genommen hätte er also keine fünf Minuten überleben dürfen. Aber irgendwie – wie?! – ist Ray LaMontagne SO gut, dass es keiner übers Herz bringt, ihn fallen zu lassen. Wenn man seine Crazy-Version hört, mit der er es in die Herzen eines breiteren Publikums geschafft hat, schwant einem, wo der Ziegenbock den Honig haben könnte: Wenige haben derartig Gefühl, niemand so eine Stimme. Ja, er bedient ein abgestecktes emotionales Feld. Und ja, es ist auch nur eine Handvoll seiner Lieder wirklich genial. Man will ihn sicherlich nicht immer hören – aber in dem, was er tut, könnte er The One sein. Und das gibt es doch ausgemacht selten. Also, Ohren gespitzt.

Das berühmte Cover von Gnarls Barkleys ‚Crazy‘:

Von seinem ersten, noch privat verlegten Album ‚Acre Of Land‘ stammt dieser herrliche Streifen mit dem Namen ‚Still can’t feel the Gin‘:

Ich habe lange mit mir gehadert, ob hier die Live- oder die Studio-Version stehen soll. Dass ‚Empty‘ einer der traurigsten Tracks aller Zeiten ist, stelle ich nicht mal zur Debatte.

Und wem das Ganze gefällt, der kann ein sehr gut aufgenommenes Konzert aus den BBC FOUR Sessions hier finden (aus dem die gerade gezeigte Version von ‚Empty‘ nebenbei auch stammt):

Geld gegen Essen – Boccadoro (Göttingen)

Posted in Geld gegen Essen - Restaurantnörgeleien on 24. Februar 2014 by Herr Grau

(aus Übersichtsgründen vorgezogenes) Prädikat: Wunderbar

boccadoroBis jetzt war die Szene der italienischen Restaurants in Göttingen schlicht und einfach ziemlich bemitleidenswert. Ein paar Klischeeitaliener gibt es, einige sind ganz erträglich, aber im Endeffekt mussten sich alle sogar vom Vapiano ausstechen lassen. Das ist hat jetzt zum Glück ein Ende.

Dario Ciniglio ist gerade mal 23 Jahre alt, aber er kann kochen. Er hat seine Ausbildung im Gauss bei Jaquelin Amirfallah gemacht, dem einzigen Restaurant in Göttingen, das wenigstens irgendwann mal einen Stern hatte. Trotz seines jungen Alters hat Dario das Risiko auf sich genommen und mit viel Geld in den Räumen des alten Cartoons am Albanikirchplatz eine schön und hell eingerichtete, kleine Trattoria eröffnet. Während der Sohn hinten kocht, macht Vatter Salvatore vorne den Service und er schafft es dabei, freundlichen italienischen Charme zu versprühen ohne kitschig zu wirken. Punkte für Klasse rundum. Die Atmosphäre ist gelassen und unaufregt, aber durchaus mit einem gewissen Standard, der sich nicht aufdrängen muss. Einige Sachen verstehen sich einfach – ordentliche Gläser, schöne Teller, sauberes weißes Leinen. Der Service ist durchgehend flott, freundlich und flexibel. Das Essen kommt schnell und ist ohne Ausnahme von durchgehend sehr guter Qualität. Das Rad wird hier bestimmt nicht neu erfunden, stattdessen gibt es einfache, gute Dinge makellos ausgeführt – mir persönlich deutlich lieber als an ihrem Anspruch krepierende Prätention. Eine ordentliche Weinauswahl komplimentiert das Menü.

Alles, was man im Endeffekt sagen muss, ist, dass ich in den letzten drei Wochen seit meiner Entdeckung des Restaurants inzwischen vier mal da gewesen bin und alle meine Freunde schon dorthin geschlört habe. Ehrlich, persönlich, angenehm, charmant und qualitativ hochwertig – was will man mehr?

Wertung:
Essen: 9,5 /10
Service: 9,5 /10
Sauberkeit: 10 /10
Preisgestaltung: 8 /10
Ambiente: 9 /10

Gesamtergebnis: 5 von 5 Vanilleeiskugeln mit Senf und Gürkchen

Restaurant Boccadoro
Albanikirchhof 5-6
37073 Göttingen
Telefon: 0551-79778545

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 12 – 15Uhr und 18 – 22Uhr, Sonntag 18 – 22Uhr

Braufactum Colonia

Posted in ... weiter nichts als Bier on 22. Februar 2014 by Herr Grau

IMAG1267Weiter geht es im Braufactum-Programm. Dieses mal wenden wir uns dem „Colonia“ zu, einem Bier, das ich zuerst für ein Kölsch hielt (entsprechende Ressentiments natürlich schon scharf gemacht) – schuldhaft fälschlich, wie sich gleich rausstellen wird.

Art: Bitterbier, 5,5% Alkohol

Geschmack: 8,5 Punkte
Schaum fällt zügig zusammen. Blume von leichter Herbe. Antrunk fruchtig mit leichter Süße, dann mittelkräftiger Hopfen, der schnell sein Maximum erreicht, dann aber auch recht flott wieder verschwindet. Feinperlige, sauber dosierte Kohlensäure, die lang heraus reicht. Insgesamt ein sehr süffiges und spritziges Bier, das man ernorm gut trinken kann, ohne dass es je wässerigen Charakter entwickeln würde.

Preis: 1 Punkt
Nichts Neues. Mit 2,49€ pro 0,355l-Flasche zwar mit das günstigste Bier im Braufactum-Programm, aber immer noch deutlich zu teuer.

Flasche: 8 Punkte
Die Damen und Herren bei Braufactum haben definitiv Sinn für schlichtes, modernes Design. Zeitlos? Nicht. Aber passend.

Gesamt: 8 Punkte
Was soll ich sagen, ich habe diesem Bier unrecht getan. Ich dachte, es sei ein Kölsch .. der Name, zugegebenermaßen, suggieriert das stark. In Wirklichkeit ist es einem Lager vom Charakter deutlich ähnlicher. Es soll ein „rheinisches Bitterbier“ sein, also das Nachfühlen eines Kölsch-Urahns. Der Name „Bitterbier“ und die Ankündigung seitens des Hersteller, dass es äußerst bitter sei, liegen aber neben der Realität, da es nicht übermäßig stark, sondern sehr ausgewogen gehopft ist. Es bringt eben das mit, was Kölsch traditionell immer fehlt: Charakter. Insgesamt muss man sagen, dass der Preis eine Schande ist, da ich stark positiv überrascht bin und das Bier eigentlich gerne häufiger getrunken hätte.

Braufactum Firestone Pale 31

Posted in ... weiter nichts als Bier on 13. Februar 2014 by Herr Grau

IMAG1265rezDer Strom an Fahl-Bieren von Braufactum reißt nicht ab. Insgesamt ist das die dritte Ausfertigung dieser Gattung, die mir unter dem Premium-Bier-Label unter die Finger gekommen ist. Wieder mal ein Importbier aus Amerika, dieses mal allerdings aus dem fruchtbaren Californien, das sich ja bekanntermaßen ein sehr ähnliches Klimat mit dem Mittelmeerraum teilt. Dann mal Antrunk.

Art: Pale Ale, 4,9%

Geschmack: 7,5 Punkte
Krone fällt schnell zusammen, hinterlässt aber eine leichte, sich haltende Schaumdecke. Blume mit Holundernoten, aber primär einer deutlichen Wacholderdominanz. You had my curiosity, now you have my attention. Antrunk mit schnell abebbender, sehr feinperliger Kohlensäure und sofort einsetzendem, kräftigen Hopfen, dessen intensiver Peak relativ schnell wieder abflacht, dann aber unterschwellig erstaunlich lange im Mund verbleibt, dabei im Geschmack aber so gut wie nicht unangenehm wird. Die vom Hopfen stammende Wacholdernote schwebt etwas nach, lustige Sache. Untermauert ist das ganze von einer unterschwelligen Süße, die die Herbe zwar nicht ausbalanciert, aber dennoch immerhin kontrapunktiert. Insgesamt ergibt sich der Eindruck eines recht substanziellen Biers für ein Ale.

Preis:  1 Punkt
Bei 2,99€ die 0,355L-Flasche kommt natürlich wieder ohrenbetäubendes Stöhnen auf. Das ist man ja bei Braufactum gewohnt, schließlich ist das ihr designiertes Geschäftsmodell.

Flasche: 7 Punkte
Das Stubbelchen ist nicht hässlich, aber auch nicht ausgemacht hübsch.

Gesamt: 7 Punkte
Ich finde das Bier schon amüsant, das kann man nicht anders sagen. Für jeden Tag ist es sicherlich nichts, nicht nur des Preises wegen, sondern allein auch, weil ich gerne meinen Wacholder getrennt von meinem Bier zu mir nehme.

Braufactum Brooklyn Lager

Posted in ... weiter nichts als Bier on 6. Februar 2014 by Herr Grau

IMAG1262Ein weiteres Bier aus dem hier bei dem Schwesterbier aus gleichem Hause besprochenen Braufactum-Sortiment. Es kommt aus Brooklyn (steckt ja schon im Namen, gell?..) und ist natürlich einmal mehr sehr teuer. Was, also, kann diese Varietät?

Art: „Amber Lager“, 5,0% Alkohol

Geschmack: 8 Punkte
Mittelmäßige Blume, leichter Bernsteinton. Dezenter Holundergeruch. Feinperlige, recht langgezogene, angenehme Kohlensäure, dann eine leichte, körperliche Süße, die relativ schnell von einem dann ansteigenden Hopfen umfangen und schließlich abgelöst wird. Der Hopfen ist deutlich, wird aber nie zu viel oder unangenehm im Geschmack, obwohl er sich durchaus etwas nach hinten auszieht. Die Hopfennoten nehmen deutlich das Holunderige der Nase auf. Nach hinten heraus leider geringgradiger alkoholischer Geschmack. Insgesamt bringt das Bier seine Kühle und Süffigkeit gut herüber.

Preis:  1 Punkt
Die 0,355L-Flasche kommt einmal mehr zu 2,99€. Das ist natürlich eine absehbare Katastrophe.

Flasche: 7 Punkte
Anders als die üblichen, wertigen Braufactum-Flaschen kommt dieses Bier in einer nicht unwertigen, aber irgendwie dahergelaufenen Flasche daher. Amerikanisch, ganz klar. Sieht aber durch das dunkle Grün einen Deut besser aus als die vom Pale Ale.

Fazit:  7,5 Punkte
Im Gegensatz zu seinem Geschwisterchen, dem Pale Ale, aus gleichem Hause ist hier der Hopfen vernünftig ausbalanciert. Das macht das G’söff direkt anderthalb Saarland (offizielle IS-Einheit) schmackhafter. Insgesamt ist das durchaus ein Bier, was ich absolut in die engere Wahl regelmäßig getrunkener Cervisiate nehmen würde. Würde es nicht auf den Kopp vierzehn mal so viel kosten wie Paderborner. Und ich Holunder mögen würde. Trotzdem: Immerhin keine völlige Bauchlandung.

Game of Kings

Posted in Game Of Kings on 3. Februar 2014 by bic_mac

Bedingt durch die Tatsache, dass ich einen Großteil meines Genmaterials mit dem 3-Zehen-Faultier teile und verstärkt dadurch, dass ich eine hervorragende Ausbildung im Ausreden vor sich selbst finden habe, brauchte ich eine kleine Zeit, bis auch ich mich durchringen konnte meine guten Vorsätze zur erneuten Umrundung des Mittelpunktes unseres Sonnensystem in die Tat umzusetzen. Einer dieser Vorsätze ist es, hier eine neue Kategorie zu eröffnen!

Wie der Name „Game of Kings“ bereits vermuten lässt sollen in dieser Kategorie Spiele getestet werden. Genauer gesagt: Spielflächen.
Aber vorneweg: Ein Ausflug in die Geschichte dieses großartigen Sportes: Die Wenigsten wissen: Im Jahr 1623, nach einer schmutzigen Hetzkampagne, initiiert durch Lord William Arthur Golf III., musste der walisische Hufschmied Jamesworth Farnsborough Minieux-Golf, seines Zeichens Schwager des Lords, sich mit seiner revolutionären Weiterentwicklung des Golfsports, welcher von Golf III. erfunden worden war und sich bei der „Upper Class“ großer Beliebtheit erfreute, ins Ausland, nach Witten-Herdecke absetzen. Die Geschichte lehrt uns, welch glückliche Fügung dies war. Im Kontinentaleuropa frohlockte das präindustrialisierte Proletariat über die Möglichkeit, nun endlich eine erschwingliche Alternative zu Golf, Cricket, Pétanque und Prince of Persia zu haben. Der geneigte, in Medienkompetenz geschulte Leser hat längst erkannt, um welche Sportart es sich handelte: Über die Jahrhunderte vollzog sich der etymologische Wandel des Ursprungsnamens Minieux-Golf zum heutigen „Minigolf“.
Die Regeln sind in ihrer Urfassung auf der Rückseite der Verfassung von Mazedonien sowie auf dem Rand eines jeden 5ct Stückes nachzulesen und haben sich bis heute nicht geändert:

  • 6 Schläge pro Bahn, jeder Schlag 1 Punkt (bei Überschreiten: 7 Punkte)
  • Hindernisse sind korrekt zu überspielen (Ausnahmen bei besonderer Schönheit der Hindernisumgehung möglich)
  • Der Ball darf bei Bedarf eine Schlägerbreite vom Rand weggelegt werden
  • Der Spieler mit den wenigsten Punkten gewinnt
  • Alkoholische Getränke mit einem Alkoholgehalt über 15 Volumenprozent dürfen erst nach Spielende konsumiert werden
  • Wucher wird nicht geduldet
  • Die Spielstätten sollen reyn gehalten werden, ihr Zustand solle stehts neuwertyg oder besser seyen.

Dies sind die Regeln und an diesen müssen sich alle messen lassen. Alle diese Stätten, welche mit „Minigolfanlage“ werben, sollen aufgesucht, gemessen und gewogen werden, auf dass ein Urteil über sie gefället werde. Die Ergebnisse sollen an dieser Stelle publizieret werden.

Eine kulinarische Reise durch .. Höxter

Posted in Geld gegen Essen - Restaurantnörgeleien on 2. Februar 2014 by Herr Grau

Okay, vielleicht sollte man einfach nicht versuchen, in einer ostwestfälischen Kleinstadt essen zu gehen. Scho recht. Aber wenn man dort eben zum Arbeitsdienst abgestellt ist und in einem Zimmer ohne mit modernen Messmethoden feststellbaren Kochmöglichkeiten einquartiert ist, so sieht man sich in offenkundiger Not. Es ist nämlich so, dass man oben Essen einfüllen muss, gleich der Umstände. Die Krankenhauskantine bot zwar ein Assortment von mindestens zwei frittierten Speisen, aber auf Dauer treibt es einen dann doch in die wartenden Arme der ansässigen Gastronomen. Als guter Deutscher suchte ich natürlich auf allen einschlägigen Internet-Portalen Kritiken heraus. Soweit nicht anders angegeben, haben irgendwie alle Restaurants der heutigen Zeit fünf Sterne. Gefühlt sogar mehr. Wie es um diese Bewertungen steht?
Zur Sache also, auf dass ein für alle mal geklärt sei, warum Ostwestfalen von der kulinarischen Landkarte gestrichen werden darf.

Pizzarella, Obere Mauerstraße 9
Die Kritiken waren wirklich vielversprechend. „Super“ sei’s bei „dem Olli“, da könne „jeder Italiener einpacken“. Ich stand noch am Anfang meiner Reise und suchte den Laden mit einer gewissen freudigen Erwartung auf. Ich mag Pizza, wer dieses Blog auch nur ein bisschen liest, weiß das. Okay, ich bin obesessiv – schuldig. Und mit „netter, einzelner, liebevoller Pizzabäcker“, „schöner Fachwerkbau“ und „Holzofen“ waren bei mir alle wichtigen Worte gefallen, um die Hormone in Wallung zu bringen. Entsprechend war die Erwartungshaltung: Was kann bei so einer Konstellation schon schief gehen! Naja .. alles, wie sich rausstellen sollte.
Gutes zuerst: Der Laden ist wirklich wunderschön, der Besitzer (es ist wirklich eine One Man Operation, normalerweise kriegt man dafür von mir schon die Gloria gesungen) ist freundlich, es brennt ein hübscher Holzofen. Aber .. meine Augen täuschen mich doch nicht? Unter 250° zeigt das Thermometer. Und: Was bei Zeus mächtigen Bart reitet bitte diesen Täter, Vollkornpizza zu servieren? Weiß .. weiß der denn nicht, dass das nicht funktioniert? Nicht funktionieren kann?! Ein böse Ahnung beschleicht mich, aber da ich schon bestellt habe, beschließe ich, dem Schicksal eine Chance zu geben. Wie erwartet braucht die Pizza fast 20 Minuten und ist dann völlig vertrocknet. Der Vollkornteig ist ein kompakter Keks, denn der Mangel an Gluten macht es unmöglich, damit luftige Böden hinzukriegen. Backen 1-0-1, das. Dass der Schinken kleingeschnittene Pressware ist, macht die Sache nicht unbedingt besser. Wie gesagt: Der Fall ist ob meiner Erwartungen besonders tief, ich war den Tränen nah. Abschließende Gedanken: Naja, immerhin das Bier ist gut (König Ludwig). Kann der rurale Fale eben nicht Pizza backen. Hätte man auch eher drauf kommen können.

Pizzeria La Casa, Am Markt 5
Okay, wenn es der Ostwestfale nicht kann, vielleicht der universell gut bewertete Italiener in der Innenstadt? Ich komme an und ein rappelvoller Laden verspricht, dass es hier etwas zu haben hat. Ich mach das mal kurz: Imbisspizza. Metro-Teiglinge in Schwarzblech mit überwürzter Tomatensauce und Gouda. Ich wollte schreien. Wenn der Allemanne das Wie nicht weiß, aus reiner Ignoranz, dem schieren genetischen Unvermögen, dann ist das eine Sache. Aber eine italienische Familie, die sowas tut, DIE tut das wissend. Keine Entschuldigung, keine Gnade. Sprengen, den Laden.

Restaurant Lion, Stummrigestraße 14
Mein Mut, noch einmal italienisch zu probieren, lag wimmernd am Boden (und die einzige Pizzeria, die ich noch zu probieren gewillt gewesen wäre, das „dell’Arte“, hatte Betriebsferien). Es musste also was anderes her. Warum nicht einmal kräftige Halse und ab in die Richtung .. Thailändisch / Indisch?.. Wenn sowas dran steht, warum drehe ich eigentlich nicht auf dem Absatz um und mache was anderes, sinnvolleres? Dachrinne sauber, beispielsweise? Es muss der Zwölfstundentag gewesen sein, der mir derartig das Hirn vernebelt hatte, dass ich mich an einem Montag (von allen Tagen!) dort einfand. Ich war vorerst der einzige Gast. Auch das gibt zu denken, aber ich bestelle trotzdem mutig ein Lammcurry. Die Gewissheit über das, was sich demnächst im meinem Leben zutragen wird, habe ich, als kurz nach dem Verschwinden des Kellners lautstark eine Mikrowelle angeht. Es gesellt sich noch ein Lehrerehepaar in den Speisesaal und macht leider das Dach auf. Es purzeln also fröhlich axtmordbefördernde Dummheiten durch den Raum, während ich auf mein s.g. „Essen“ warte. Die kurz nach dem verräterischen „Ding“ des Wellenherds aufgetragene Schale enthält etwas grob Rotbraunes mit irgendwie Fleisch. Schmeckt ambulant nach gar nichts, alles. Der einzige Grund, warum ich unverzogener Miene die 14€ für Speis wie Trank löhne, ist die grimme Gewissheit, dass die bei Crôm verfluchten Lehrerersatzextraktdarsteller das gleiche werden über sich ergehen lassen müssen. Das „Ding“ verrät’s.

Dynastie, An der Kilianikirche 12
Was also tun, beim Schöpfer, dem allmächtigen und schelmisch auf mich grinsenden? Asiatisch. Das geht immer. Ich habe natürlich mal wieder die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das Buffet, in dessen Richtung wir rüde gedrängt werden, sieht mit seinen fahl beleuchteten Warmhaltetheken und dem darin vor sich hinschwitzenden Pamps so unappetitlich aus, dass wir ála Carte bestellen. Das Essen ist zwar irgendwie .. essbar, aber nichts, worüber man ein Wort verlieren würde. Und dass die Bedienung wirklich ausgemacht schlecht und unfreundlich ist, versteht sich ja fast von selbst. Das gehört in Ostwestfalen so.

Ritmo, Weserstraße 11
Von meinem Oberarzt bekam ich die Empfehlung, mir mal das Ritmo anzuschauen. Dort solle man angeblich Tapas bekommen und außerdem sei es da schön. Dieses selbstbehauptete „andalusische Restaurant“ findet sich im Ratskeller. Höxter hat eine Menge traumhafter Altbauten und dieser Gewölbekeller ist sicherlich eine der Kronen. Und wie immer, wenn es ein Stück wundervolle, altdeutsche Architektur gibt, kommt irgendeine Arschgeige und stellt Palmen und kitschige pseudospanische Kunstsurrogate rein. Und verkauft dann da zu überteuerten Preisen tapa-ähnliche Dinge. Okay, der Service ist nicht schlecht. Und dass Tapas nicht wie in Andalusien umsonst sind, daran hat man sich ja auch schon gewöhnt. Hier darf man sich denn aber für reichlich, reichlich Schotter diverse, supereinfache und deutlich zu sauer angemachte Bohnen oder Sardinen oder diverse frittierte Kleinigkeiten aussuchen. Wir hatten auch noch den schlechten Sinn, eine Paella zu bestellen, die mit „pampige Reispfanne ohne nennenswerten Geschmack“ recht vollständig beschrieben ist. Hab ich erwähnt, dass es sehr teuer ist?…

Strullenkrug, Hennekenstr. 10
Wat, also, fragt man sich, kann der Ostwestfale? Doch wohl gutbürgerlich wenigstens? Ein Schnitzel über das heiße Fett feuern, ist das wohl schaffbar? Ich nehme an einem sehr sonnigen, äußerst wohlfeilen Spätnachmittag im Biergarten Platz. Es ist sehr gut besucht und sehr schön. Die Resignation in meinem Magen getraut sich sogar einen vorsichtigen Schritt zurück. Ja, Schnitzel, Kroketten, Rahmsauce. Alles frittieren außer die Sauce, bitte, und ausreichend. Den Aufpreis für Kalbsfleisch nehme ich auf mich, ich will es wissen. Es dauert schon etwas, dann kommt es meiner Wege. Das Schnitzel ist zu klein und dick, aber noch in Ordnung. Die Sauce ist zu wenig, aber noch in Ordnung. Die Kroketten sehen sehr gut aus. Ich genieße die Sonne und das Treiben und esse mit einstudiertem Gleichmut mein Schnitzel. Unter meinen Erwartungen, deutlich unter meinem Standard, aber für Höxter ziemlich gut! Das ist auch der Grund, warum ich dort ein zweites mal mit Freunden einkehre – schiere Alternativenlosigkeit. Dabei muss ich leider das Buffet unter meine Augen nehmen, bei dem es mir einmal mehr ein bisschen anders wird. Die Bestellung des Bekannten und Erprobten bringt oben genanntes Mahl, diesmal aber sans ausreichend frittierte Kroketten. Was soll ich dazu noch sagen?

Höxter ist eine erstaunlich schöne Stadt. Dieser gesamte Bereich Deutschlands scheint auf Grund von durchschlagender Bedeutungslosigkeit völlig vom Krieg verschont worden zu sein. Entsprechend ist jedes zweite Haus in der Innenstadt richtigerweise denkmalgeschützt. Leider kann man offensichtlich einfach nicht essen gehen. Die örtlichen Restaurantbesitzer nudeln mit einer Boshaftigkeit nicht wenig ähnlich sehenden Determination furchtbarsten Fraß in die das Procedre scheinbar großartig findenden Höxteraner, dass es nur so schallt und johlt. Entsprechend darf ich dann wohl doch dankbar sein, dass mein Aufenthalt zeitlich befristet war und schließlich zu einem glücklichen und verdienten Ende kam, bevor die oben umrissene Realität meiner Existenz ein ebensolches bereiten konnte.

Mediathek im Staate

Posted in The Hawthorne Catalyst with tags , , , , on 30. Januar 2014 by J

Journalismus! Reportertum! Du super- wie capeloser möchtegern Clark Kent! Erkläre er sich!

Ist es, dass so viele meiner mündig geborenen und durch Deine Feder so erfolgreich misinformierten Mitbürger derart eindringlich Platz und Hoheit fordern, dass Du Ihnen nicht nur die Schlammgrube der geistig Armen, jenes Kommentarfeld dessen, was ein irrwitziger Hornberger Deiner Reihen als Onlineausgabe des Prints fehlinterpretierte mit dem klerikalen Getue eines förmlich mit deckellosen Büchsen vom Journalismusolymp um sich Werfenden beschertest, sondern neuerdings auch schlichtweg Dein ureigenstes Handwerk selbst an die Dich Beauftragenden zurückgabst(1)? Dass Du gar das Unbürgertum gleich Dir selbst stellst, dies neuen Journalismus preist(2)? Geht das denn? Ist Dein Olymp neuerdings per pedes, per Druck der Plastiktaste zu erklimmen? Ist das billig, und noch mehr: recht?

Wenn nämlich andererseits auch nur ein Mensch – oder Unmensch – gen Deine Würde und traditionell drogenfrei halluzinierte Unabhängigkeit den Finger erhebt, den kleinen, dann! Dann wehrst Du Dich nach Kräften, einem zappelnden Kinde gleich, verteidigst den Dir eigenen heroischen Berufsstand mit geübten Klischees von Goebbels bis Orwell, auf dass keiner ohne in feinstes Juchten gebundenen Journalistenpass mehr das Wort erhebe gegen Ihn, den Qualitätsjournalismus! Und wird gar langsam die Suppe knapp, so ist‘s doch Zeit zu beteuern, wie sehr man sie sich verdient hat. Dann kömmt doch lieber erstmal das Fressen und dann die Bigotterie. Trotz derlei Gebaren wirst doch noch nicht Unglauben gestraft – Hosanna, geht das mit rechten Dingen zu?

Hast Du denn vor lauter Slomkas, Augsteins, Murdochs und Diekmanns vergessen, wer Dich gebar? Du bist einst hervorgegangen aus der Idee eines freien Mitmenschentums, das zu schützen Dir auferlegt war: Freiheit machte Deine hedonistischen Gedeihen erst möglich! Freiheit, also, sollst Du zu allervorderst schützen! Mit Information, mit Analyse! Mit Recherchen, die aufdecken, was unsere engsten Ausgewählten uns veruntreuten. Sollst uns vor Augen halten, wo wir wider Willen betrogen werden – und wo es mit unserer stillen Billigung zugeht. All das eben, wofür unsereins, der wir auch für Dich die Schippe schwingen, modernerdings keine Zeit mehr eingeräumt wird, obgleich wir doch wahlmündig zu bleiben bestrebt sind. Du warst Kontrolle und Schule, Retter der freien Gesellschaft!

Dieses Erbe hast Du in den Händen von 1-Euro-Schreibern gelassen, ehrliches – und anstrengendes – Handwerk durch Nachplapperei und Schlagzeilen aus der tieften Trickkiste der Dramaturgie ersetzt. Es ist Deine Schuld, und Deine ganz allein, dass das Volk, das Dir zu schützen auferlegt war, in rasender Schnelle erblödet, seine politische Mündigkeit einem hippen „Dagegen“-Opportunismus aufopfert und den Unterschied zwischen Wissen und Meinen nicht mehr kennt, ja nicht einmal die Bildung selbst noch als Ideal erkennt, nur derart konditioniert, damit es Deine Unzulänglichkeiten nicht mehr zu erkennen weiß. Deine! Und was machst Du? Anstatt weiter still die Boulevardisierung des Journalismus vorranzutreiben, da hebst Du ein Interview mit sachlicher Fälsche und der Fragetechnik eines zweijährigen Kindes zur neuen Maxime des Journalismus?
Welcher Dämon hat Dich beschlichen? Welches Suppenkraut Dir das Gehirn vergoren!

Am Tag Deines Todes wenden wir uns sogennanten „Satirikern“ zu, Deine nun vakante Aufgabe zu erfüllen. Uns Hintergründe zu erläutern, unser Sein betreffende Sach- und Haltungsverhalte darzustellen und die Eingewählten unter Beachtung von Sinn und Sachlichkeit zu hinterfragen. Und uns dabei die hässlichste aller Wahrheiten heiter zu verkaufen: Wie schlimm es um unsere Mündigkeit steht.
Oder Ist ein Sträuben gegen journalistischem Dadaismus gar wider der Natur? Ist die Utopie des mit seinem geistigen Limes gen Omniszienz informierten Gesellschaftsteilhabers in Wirklichkeit Gefahr derselben? Ist Pispers Ausruf(3) doch als zynische Drohung zu verstehen? Hast Du nur längst begriffen, dass Wissen ohne Handungsintegrität, Moral und einen Funken Altruismus nur zum schlimmeren Teufel gereicht? Schützt Du uns auf diese Weise? Ist denn die Lakonie des Thomas Gray in Wirklichkeit eine Abkürzung gen einzigem Ausweg aus dem Totalitarismus des informierten, partizipierenden Bürgertums in die Well’sche Glückseligkeit?

Dann auf! Auf! Garcon, bereite er seinen liquiden Gesellschaftsentwicklungsbeschleuniger. Ich will vergessen.

1:Leserartikel
2:zB Huffington Post
3:„Was glauben sie was hier los wäre, wenn mehr wüssten, was hier los ist!“

Monday, December 16, 2013

Rehabilitation – Teil 1

Posted in The Hawthorne Catalyst with tags , , , , on 30. Januar 2014 by J

Eine Kneipe. Ein situationsgeschuldeter Doppelter. Die Wahl zwischen Jack, Jim und was mit Torf im Tank fällt leicht. Man platzt am Tresen.

Hinter jenem gibts unaufgefordert und umsonst mindestens 50 Jahre geballte, weibliche Erfahrung am zumindest als ein solches empfundenen Leben. War mal eine blondierte Dauerwelle – jetzt? Schwer zu sagen. Der Thekenbetrieb, wenn er auch nach kritischer Selbsteinschätzung nur eine freiwillige Tätigkeit zum Einkommenserwerb war und ist, hinterließ Spuren. Allen vorran mindestens 50 Jahre Rauchgebot in geschlossenen, zur Not auch heimischen Räumen – wobei diese Differenzierung, so schwört die Erscheinung mittels nonverbaler Zaunpfahlkommunikation, mit der Zeit wohl verloren ging. Rauchtätigkeiten hier untersagen zu wollen, scheint pathognomonisch für schwereren Realitätsverlust – den von der unguten Sorte.

Ja, Whiskey geht auch im Cola Glas. Scheisse im Glas is Scheisse im Glas – und wenn da Ed Hardy und Louis Vuitton persönlich rein uriniert haben. Nein, ich möchte trotzdem nichts anderes.

Wenn der Chef den Laden nicht schon seit 20 Jahren schließen würde, wäre dies stichhaltiger Beweis, dass es sich bei dem Etablissement um einen ostasiatischen Nachbau handelt. Dass er hauptberuflich ohnehin eher Geißbock und Karnevalist ist, auch schon mal als Indianer aushilft – zu dieser überraschenden Information heuchelt man gerne etwas Mitgefühl und Anteilnahme. In einer Stadt voller Menschen mit grenzwertiger, aber aus kulanzgründen staatlich anerkannter Fähigkeit zum Menschsein herrscht die tiefe Überzeugung, dass Glückseeligkeit und Frohsinn – auf nicht undeutsche Art – fest terminiert und gut geplant werden können und müssen. Vielleicht glauben Sie jedoch auch, dass Glückseeligkeit und Frohsinn, in diesem Zusammenhang übrigens von überzeugender Redundanz, nur eine Frage der Tiefe des Glases – oder neuerdings des Pappbechers ist. Mit spitzem Bleistift durchdacht verarschen uns diese Schmuckeremiten mit dieser semantischen Akrobatik nun schon seit Jahrhunderten und schufen unter der Fuchtel der Kirche eine gesellschaftliche Akzeptanz, ney, einen gesellschaftlichen Zwang zu Druckbetankung, lustigem Anmalen und kollektivem Scheissesein.

Im Laufe des Abends streift es auch noch Politik und Kirche, das, so zirzt es von hinter dem Tresen, Schlimmste am Tresen. Jeder kann so religiös sein, wie er will, aber er solls nich ausatmen. Da is was dran. Man weiß nich was, aber da is was dran.

Zwei Stunden später ist man zwar nicht unbedingt klüger, weiß aber so einiges mehr über Prominenz, Provinzkicker und die örtlichen Promillesäfte und dabei in gleichem Maße statistisch signifikant weniger, warum man überhaupt hergekommen ist – und muss zugeben:

The art of Barkeeping is fucking alive – und das ausgerechnet in Köln.

Wednesday, November 16, 2011