Eines vorweg: Von Karneval habe ich wenig bis keine Ahnung. In den letzten Tagen habe ich die Bedeutung des Wortes erläutert bekommen („carne vale“ = „lebe wohl, Fleisch“, Beginn der Fastenzeit) und außerdem die Konsequenzen gespürt: In meiner „Wahlheimat“ Aachen drehen alle am Rad und man hält sich hier für eine Karnevalshochburg. Wir sind ja schließlich im Rheinland.
Dieses Jahr begab es sich zum ersten Mal, dass ich Rosenmontag tatsächlich auch mal hier residieren sollte. Eine tiefgreifende Erfahrung, insbesondere weil meine Freundin direkt am Startpunkt des Umzugs wohnt und es sich beinahe nicht vermieden ließ, sich morgens von plärrenden Boxen und unlustigen Jecken die „Alaaf!“ schreien, wecken zu lassen. Wie gesagt, ich hätte es vermeiden können. Ich wollte mir allerdings einmal ansehen, was hier so auf die Beine gestellt wird.
Als Kind war ich vielleicht 5 Mal beim Rosenmontagszug in Münster. Gab Süßigkeiten umsonst. Das war super. Das „Helau!“ rufen ging mir damals schon auf den Keks. Damals waren für mich dementsprechend immer die großen Wagen am wichtigsten, die am meisten Süßigkeiten in die Menge warfen. Alles andere war doof. Besonders die Niederländer aus dem Grenzörtchen Losser gingen mir auf den Keks, weil die zwar bunte Wagen hatten, aber nie Süßes schmissen. Und die Technomusik passte mir nicht so gut. Aber gut drauf waren die Leute. Soweit ich das als Kind beurteilen konnte. Schon damals fiel mir auf, dass fast alle Wagen Bezug auf irgendwelche politischen Ereignisse hatten. Einige lokale Themen wurden aufgegriffen (meist dargestellt durch eine gigantische Karikatur des amtierenden Bürgermeisters) und globale Themen fanden sich auch wieder. Als Außenstehender und selbst als Karnevalsverweigerer wie ich muss man anerkennen, dass in diese Wagen viel Zeit und Arbeit investiert wurde. Jahr für Jahr.
Jetzt zurück nach Aachen. Wenn eine Stadt sich „Karnevalshochburg“ schimpft darf man wohl zurecht gespannt sein auf die Anspielungen und Sticheleien in Richtung der Politik, wie sie für mich immer zum Rosenmontagszug gehörten. Selbst wenn ich als Kind die Zusammenhänge nur selten verstand.
Doch was musste ich erleben? Nix. Aachner Karneval besteht zu 99% aus reiner Selbstdarstellung. Die großen Karnevalsvereine fahren mit mehreren nichtsaussagenden Wagen, die lediglich ihre Vereinsfarben repräsentieren. Einige Wagen sahen sogar aus, als wäre seit 30 Jahren nichts mehr daran gemacht worden. Wo bleibt denn hier bitte der „Spaß“ am alljährlichen Umzug wenn man jedes Jahr die gleichen Wagen ohne Aussagen vorgesetzt bekommt? „Juhu, da kommt die Stadtgarde… yeah, die Börjerwehr… wie immer.“
Das klitzekleine bisschen, was ich in meiner Heimat am Rosenmontagszug noch respektabel fand, findet sich hier einfach gar nicht. In meinen Augen ist der ganze Zug hier nur Selbstbeweihräucherung und Selbstdarstellung. Nicht mehr und nicht weniger.
Deswegen möchte ich an dieser Stelle ein nicht unverdientes Lob an die Karnevalsvereine in und um Münster (mitten im Herzen des mürrischen, spaßbefreiten Westfalens) aussprechen, die Jahr für Jahr wenigstens noch richtig Arbeit leisten, um einen abwechslungsreichen Zug zu gestalten.
Zur Klarstellung: Ich werde Karneval weiter boykottieren. Diese Fröhlichkeit auf Knopfdruck (vom 11.11. um 11:11:11h bis zum Aschermittwoch) kann ich einfach nicht nachvollziehen und finde ich in gewissem Maße sogar sehr befremdlich. Ich brauche keine Termine oder Vereine um Spaß zu haben, das klappt nämlich auch so ganz gut bei mir. Und wenn ich sehe, was für eine Farce der Karneval in einer selbsternannten Karnevalshochburg wie Aachen ist (vgl. lokale Presse vor Rosenmontag; Zickenkrieg im AKV), sehe ich mich in meinen Vorurteilen bestätigt, dass die Verantwortlichen dieser „Events“ sobald die Narrenkappe fällt und die Öffentlichkeit nicht hinguckt einfach humor- und spaßbefreite Menschen sind.
Das war mein Senf zu der Angelegenheit. Wenn sich jetzt Karnevalsfreunde angegriffen fühlen: Spielt nicht die beleidigte Leberwurst, ich lass euch euren Spaß ja. Lasst mich damit nur einfach in Ruhe. Danke.
„Karnevalshochburg“
Posted in smile and look alive on 16. Februar 2010 by hoegiBau eines endgültigen Röhrenverstärkers – O/Netics Ausgangsübertrager
Posted in Röhrenverstärker on 16. Februar 2010 by Herr GrauWier ich hier bereits beschrieben habe, war die Wahl des Ausgangsübertragers keine einfache. Mir war klar, dass ich auf jeden Fall etwas Gutes kaufen und nicht auf den letzten Taler gucken wollte, da die Qualität dieses Bauteils wirklich etwas ausmacht. Die Auswahl ist nicht gerade gering, AE und Tribute aus Holland machen Highend-Produkte, Hashimoto, Tamura und Lundahl sind verfügbar und auch Sowter kann man bekommen. Dazu kommen noch eine Menge lokaler Namen, die man noch schwerer einschätzen kann.
Über das DIY-audio.com-Forum stieß ich auf die Beiträge von Bud Purvine, dessen kleine Firma O/Netics (Kontakt) in Washington lokalisiert ist. Alles, was er schrieb, klang sehr fundiert und elaboriert, seine Produkte bekamen umfänglich sehr gute Bewertungen. Was die Entscheidung am Ende tatsächlich gemacht hat, ist wohl, dass ich es sehr respektiere, wenn jemand anderen Leuten hilft, ohne ständig mit dem großen Finger auf sich selbst zu zeigen. Auch der Kontakt gestaltete sich mehr als angenehm – Bud empfahl mir nicht das Teuerste, sondern das Günstigste aus seinem Programm. Auch das ein dicker Punkt auf der positiven Seite.
Die Übertrager kommen in verschiedenen Qualitätsstufen, wobei sich der Grundpreis von einer Stufe zur nächsten etwa verdoppelt. Ich stelle mir das ganze ein bisschen wie die Komplikationen bei Uhrmachern vor, komplexere Zusammensetzung der Dielektrika und komplexere Wickelungen, sowie besseres Kernmaterial kosten Geld. Ich entschied mich aus den drei offerierten Stufen für die Mittlere, damit der kleine Das-Beste-Schreihals in meinem Kopf die Klappe hält. Mehr war geldmäßig einfach nicht drin, da zu den Kosten der Transformatoren auch noch hundert Dollar Versand kommen. Bud sagte 8 Wochen Produktionszeit voraus und war fast auf den Tag genau fertig – wenn man deutsche Handwerker gewohnt ist, eine erfrischende Neuerung.
Die Übertrager wurden nach meinen Spezifikationen für KT88 im Push-Pull-Betrieb mit Ultralinear-Anzapfungen gewickelt. Mit 100W wurden sie ausreichend überdimensioniert. Das Kernmaterial ist M3 Silikateisen, auf amorphe Kernmaterialen wird absichtlich verzichtet – warum, erklärt Bud sehr umfänglich in mehreren Posts hier. Auch andere Firmen wie z.B. Hashimoto verzichten aus diesen Gründen auf die Verwendung von amorphem Kernmaterial. Der Spulenkörper ist allerdings wie bei vielen anderen Highendherstellern nicht aus Pappe, sondern aus Plastik. Dazu schrieb mir Bud:
I am using the chopped glass fiber filled Nylon bobbin as the basis for creating a dielectric circuit. There are two wraps of Mylar film, 0.005″ thick that are the final wrap. Within this enclosure, made of material with a dielectric constant of 3.5 are windings that are potted with a polyester resin also with a dielectric constant of 3.5. At the antenna barriers, from primary to secondary, you would find a Nomex / Mica paper dielectric barrier with a dielectric constant of 2.2. Building in this fashion forces the motile electrons out of the primary and secondary winding bodies and causes them to accumulate at the antenna barrier instead. This in turn allows for a much more complete E Field information transform across those barriers. This is that odd „charging“ period you are about to experience. I do this to force the transformer to retain and transform more information than a typical audio transformer will allow.This combined with our core construction method that provides a large measure of passive demagnetization for after a B Max saturation point allows the core to track the back half of the wave form, rather than sit in saturated polarization until an opposite H force is applied. Transformers built in this fashion have no crossover distortion and are flat i phase and frequency response to beyond 40 kHz at any power level. I do mean flat, + / – 0 db from 20 to 40 kHz. They also have smooth impedance characteristics below 20Hz and will not oscillate, ever.
Zu deutsch:
Ich benutze mit gehackter Glasfaser gefüllte Nylon-Wickelkörper als Basis zur Herstellung eines dielektrischen Bauelements. Es gibt zwei Wicklungen aus Mylar-Film, 0,13mm dick, als Endwicklung. Innerhalb dieser Abtrennung aus einem Material der Dielektrizitätskonstante 3,5 sind die Windungen in Polyesterkunstharz eingebettet, das auch eine Dielektrizitätskonstante von 3,5 hat. An den Antennenbarrieren, zwischen primärer und sekundärer Wicklung, findet sich dielektrische Barriere aus Nomex/Glimmer-Papier der Dielektrizitätskonstante 2,2. Diese Art der Konstruktion zwingt die motilen Elektronen, die primären und sekundären Windungen zu verlassen und sich statt dessen an der Antennenbarriere zu akkumulieren. Dies wiederum sorgt für eine viel vollständigere Übertragung der E-Feld-Informationen über diese Barrieren. Dies macht sich als komisch klingende „Einspielzeit“ bemerkbar, die Du feststellen wirst. Ich tue dies, um den Übertrager dazu zu zwingen, mehr Informationen zu erhalten und zu transportieren, als dies in der Regel möglich wäre. Kombiniert mit unserer Kernkonstruktionsmethode, die eine große Menge passiver Demagnetisierung hinter dem Punkt der B max Sättigung erlaubt, wird erreicht, dass der Kern die hintere Hälfte der Wellenform verfolgt, anstatt gesättigt herumzusitzen, bis eine entgegengerichtete H-Kraft anliegt. Transformatoren, die auf diese Weise gebaut werden, besitzen keinerlei crossover-Verzerrung und besitzen eine flache i-Phasen- und Frequenzantwort bis über 40kHz auf jedem Leistungsniveau. Und damit meine ich flach, also +/- 0 dB von 20 bis 40kHz. Sie haben ebenfalls eine sehr sanfte Impedanzcharakteristik unterhalb von 20Hz und werden niemals oszilieren.
Als letztes einige Bilder der Übertrager, so wie sie aus der Schachtel kommen. Die Glocken sind dafür vorgesehen, nachlackiert zu werden. Besonders bemerkenswert finde ich die Stoffummantelung des Kerns, die ich .. traue ich mich, das zu sagen? – durchaus sexy finde.
Bitburger Pils (PET-Flasche)
Posted in ... weiter nichts als Bier on 16. Februar 2010 by hoegiArt:
Premium Pils, 4,8% Alc. Vol.

Geschmack (85%): 5 Punkte
Wie allgemein bekannt (denke ich zumindest) ist Bitburger ein eher herbes Bier. In Anlehnung an den Namen bezeichne ich die Herbe auch gerne als bitter. Vom Fass noch akzeptabel, aus der Glasflasche kaum erträglich; die Plastikflasche ist ein Kompromiss, aber „mögen“ ist auch der falsche Begriff für den Geschmack. Das Bier hinterlässt einen längeren Nachgeschmack, der im Vergleich zur ersten Geschmacksregung etwas angenehmer ist und schlussendlich das Bier doch an ein Pils erinnern lässt.
Preis (10%): 5 Punkte
Ich entsinne mich nicht mehr exakt an den Preis der Flasche, aber selbst im betreffenden Discounter war das Bier schon teuer. Ich rate jetzt mal und sage 69,- für den halben Liter. Das ist schon eher teuer.
Flasche (5%): 2 Punkte
Die Flasche… naja… Plastik. Bier. Plastik. Bier. Das ist wie Zahnpasta und Orangensaft. Es passt nicht wirklich zusammen, aber wenn mans trennt gehts doch irgendwie. Von der Haptik: Bescheiden. Vom Design: Wie immer. Wirklich nichts besonderes; das Material gibt den Ausschlag für eine miserable Bewertung.
Fazit: 4,85 Punkte
Wie gesagt finde ich Bitburger vom Fass noch recht akzeptabel, aus der Flasche sagt es mir irgendwie nicht zu. Das Feeling der Plastikflasche zerstört das, was eh kaum vorhanden ist… Das gehört sich halt einfach nicht. Bier in Plastikflaschen. Wirklich.
Paderborner Pilsener
Posted in ... weiter nichts als Bier on 15. Februar 2010 by hoegiArt:
Pilsener, 4,8% Alc. Vol.
Geschmack (85%): 4 Punkte
Das Bier zeichnet sich durch eine nicht definierbare aber unangenehme Herbe aus. Der Geschmack verflacht extrem schnell, ein Nachgeschmack ist kaum merklich vorhanden. Paderborner ist keinesfalls süffig. Wenn man so will kann man es auch „unsüffig“ nennen.
Preis (10%): 10 Punkte
In Deutschland gibt es kaum/keine günstigere/n Biere als Paderborner. Erfahrung hat gezeigt, dass jeder Edeka dieses Bier führt. Meist zu einem Kurs von 5€ die Kiste, wenn es hochkommt auch mal 6€. Man kann sich also für den Preis einer normalen Kiste Bier mit Paderborner locker doppelt betrinken. Wenns denn schmeckt.
Flasche (5%): 3 Punkte
Die Flasche ist eine herkömmliche Mehrwegflasche wie man sie an deutschen Pennertreffpunkten millionenfach antrifft. Das Etikettendesign lässt auch eher zu wünschen übrig. Wahrscheinlich gebe ich auch nur 3 Punkte, weil Paderborner einen großen Teil meiner Jugend ausgemacht hat (das Geld…) und ich etwas in Nostalgie schwelge.
Fazit: 4,55 Punkte
Da hat der Preis das Gesamtergebnis ja noch wenigstens etwas aufgehübscht. In diesem Preissegment, nennen wir es „Billigbiersegment“ ist Paderborner schon eine recht gute Wahl. Es gibt deutlich unschmackhaftere Biere zu dem Preis. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass übermäßger Konsum von Paderborner zu extremem Schädel führt. Aber wer an der falschen Stelle spart, hats auch nicht anders verdient 😉
Gambrinus Premiumbier
Posted in ... weiter nichts als Bier on 15. Februar 2010 by hoegiArt: Gambrinus wird in Pilsen gebraut und ist demnach auch ein echtes Pilsener, jedoch wird es auf der Flasche eben nicht „Pils“ genannt. Angesichts der Inhaltsstoffe verwunderlich. Aber das tut dem Bier keinen Abbruch.

Geschmack (85%): 7 Punkte
Ich würde mehr geben, wenn ich nicht wüsste, dass da noch Luft nach oben ist in der Skala. Das Bier ist sehr gut trinkbar, mit einer leckeren Hopfennote.. süffig… allerdings hinterlässt es bei mir mittelfristig einen leicht blechernen Nachgeschmack der mir nicht so ganz gefällt.
Preis (10%): 7 Punkte
Ich habe das Bier jetzt zu einem Sonderpreis von 35 Cent erstanden, im Regelfall kostet eine Kiste aber schon über 10€. Von den gängigen tschechischen Bieren ist es aber definitiv eines der Günstigeren. Im Vergleich mit normalen „Premiumbieren“ im Regelfall aber günstiger, daher 7 Punkte.
Flasche (5%): 7 Punkte
Das Bier kommt in einer braunen Flasche, was ich schonmal präferiere, jedoch stört besonders beim direkten Genuss aus der Flasche diese Goldfolie am Kronkorken. Das kann auch das recht gelungene Design des Etikettes nicht wettmachen.
Fazit: 7 Punkte
Beim einarmigen Banditen hätte das Bier jetzt voll abgeräumt; hier reichts nur für einen Platz im gehobenen Mittelfeld. Ich würde das Bier allerdings jederzeit den typischen deutschen „Premiumbieren“ wie Krombacher, Veltins, Bitburger etc. vorziehen wenn ich denn die Wahl hätte. Leider bekommt man das Bier längst nicht überall. Für Neulinge ein guter Einstieg in die tschechischen Biere. Pilstrinker werden das Bier definitiv mögen. Kaufempfehlung definitiv erteilt.
Hacker-Pschorr Sternweiße
Posted in ... weiter nichts als Bier on 15. Februar 2010 by Herr GrauArt:
Weizenbier zwischen hell und dunkel, 5,5% Alkohol, 12% Stammwürze
Geschmack (85%): 9 Punkte
Malzig, ganz leicht süßlich, subtile Noten von säuerlicher Fruchtigkeit, samtig, umfänglich, aber nicht zu gehaltvoll. Ein hochgradig leckeres Bier.
Preis (10%): 5 Punkte
0,74€ pro Flasche / 14,70€ pro Kasten – schon teuer, aber für das Geleistete nicht zu viel
Flasche (5%): 5 Punkte
Bügelverschlussflaschen sind super, das Etikett dagegen wirklich furchtbar. Aber das ist zum Glück nicht allzu wichtig.
Fazit: 8,4 Punkte
Hinter einer Flasche, die mehr nach dem Behältnis für das von einem outgesourcten sowjetischen Zulieferer produzierte Öl der Enterprise als nach Bier aussieht, versteckt sich eine Schönheit, die im bernsteinfarbenen Kleid auf das Verlangen des Trinkers wartet. Der Geschmack überzeugt umfänglich, die Kombination aus hellem und dunklem Malz ergibt im beschwingten Tanz mit dem Braugeschick Hacker-Pschorrs eines meiner Lieblingsbiere. Wie jedes wirklich gute Weizen ist es nicht allzu günstig, aber ich bin völlig überzeugt, dass das Bier diesen Preis wert ist.
Unbedingte Empfehlung.
„Ich will nur Bier, Bier, Bier, weiter nichts als Bier, Bier, Bier…“
Posted in ... weiter nichts als Bier on 15. Februar 2010 by hoegiFreunde der gepflegten Gerstenkaltschale und Alle, die es mal werden wollen!
Ihr kennt das: Ihr geht zum Getränkefachhändler eures Vertrauens, um euch mit diversen Behältnissen Bier einzudecken. Oft steht man vor der mannigfaltigen Auswahl und bei einigen Geschäften wird man förmlich von der Biervielfalt erschlagen. Doch was tun? Einfach mal auf Verdacht ein Bier zu kaufen geht in 70% der Fälle schief (ich verweise auf bekannte Studien aus dem Jahre 2006, genauer gesagt aus dem Jahresbericht der Grauland Industries Inc.). Alle Biere zu kaufen und zu verkosten bedarf Ausdauer, unbändigen Willen, sowie viel Geld. Fällt für den Einzelnen also auch flach. Konventionell bliebe noch eine Möglichkeit: Verlass dich auf Empfehlungen von Bekannten, Verwandten, oder geübten Hobbyalkoholikern (letzteres muss kein Ausschlusskriterium für die ersten beiden Möglichkeiten sein). Doch nicht Jeder hat die Möglichkeit einen Biertrinker seines Vertrauens um Rat zu bitten.
Hier kommen wir (Herr Grau sowie meine Wenigkeit) nun ins Spiel.
Wir werden in unregelmäßigen und völlig willkürlichen Abständen „zufällige“ Biere verkosten und die Testergebnisse hier zum Besten geben.
Der Testschlüssel wurde in einer hitzigen, langen, qualvollen Diskussion erarbeitet und ergibt sich zu
85% Geschmack
Unbestritten der wichtigste Aspekt des Bierkonsums (neben den gewünschten Nebenwirkungen versteht sich). Natürlich ist Geschmack eine sehr subjektive Angelegenheit, doch sollten sich Strittigkeiten um die Bewertung eines Bieres ergeben werden wir möglicherweise auch 2 Bewertungen zu einem Bier publizieren um eine möglichst große Bandbreite an Eindrücken zu schildern. Oft sind Biere aber einfach unbestritten widerlich oder unbestritten lecker. Zur allgemeinen Orientierung: Unsere geschmackliche Herkunft ist Westfalen. „Biere“ wie Kölsch oder Alt liegen eher an den äußeren Grenzen unseres Geschmacksempfindens und werden daher eher nicht bewertet werden. Hauptaugenmerk werden wir auf Pils, Weizen sowie Land- oder Spezialbiere legen.
In der Bewertung des Geschmacks findet sich unter Umständen auch der Geruch wieder. Sollte dieser extrem gut oder schlecht sein beeinflusst das den Genuss ungemein und sollte nicht unerwähnt bleiben
10% Preis
Der Preis macht nur ein Zehntel der Gesamtnote aus? Man mag denken, dass das wenig ist, aaaber: Für ein sehr leckeres Bier muss man gegebenenfalls halt auch mal tiefer in die Tasche greifen. Das darf nicht das ausschlaggebende Kriterium sein.
5% Design/Haptik/Verarbeitung
Ähnlich wie schon unter „Geschmack“ beschrieben macht das „Gefühl“ der Flasche einen kleinen Anteil am Gesamtbild aus. Es ist wie mit Menschen: Man sagt, es zählen nur die inneren Werte. Aber mal ehrlich: Wer achtet nicht auf die Verpackung?
Pro Kategorie gibt es 10 Punkte, die Punkte werden über das arithmetische Mittel berechnet, heißt also (Geschmackspunkte*0,85+Preispunkte*0,1+Sonstige Punkte*0,05 = Ergebnis). Um Störfaktoren zu beseitigen werden wir die Biere aus Gläsern trinken.
Sodann, zum Wohle!
Wohnen: Gerne, aber wie?
Posted in smile and look alive on 15. Februar 2010 by hoegiObwohl ich kürzlich erst die dritte Dekade meines Lebens angeschnitten habe, habe ich schon einiges durchlebt. Damit meine ich natürlich nicht Vietnam, Stalingrad oder eine vierstündige Wurzelbehandlung; nein, ich meine Wohnungen beziehungsweise deren Nutzungsarten. Im Folgenden werde ich die 4 Arten des „juvenilen Lebens“ kurz ansprechen und etwaige Vor- sowie Nachteile darstellen.
„Zu Hause bei Muttern“
Fangen wir chronologisch an. Wie fast jeder Mensch wuchs auch ich bei meinen Eltern auf. Doppelhaushälfte am Stadtrand. Ziemlich deutsch irgendwie. In der Altersklasse von 0 bis 16 Jahren ist diese Wohnweise jedem unbedingt nahezulegen. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Sichergestellte Versorgung mit lebenswichtigen Gütern, wenig bis kein Arbeitsaufwand gefordert, alles wird erledigt. Mit zunehmendem Alter emanzipiert sich Mann im Regelfall jedoch auch weitestgehend von der Familie und es regt sich der Drang auszuziehen. Ist auch alles ganz natürlich, also nennen wir das mal „flügge werden“.
Doch wohin? Eigenständig wohnen hat in erster Linie immer ein riesiges Manko: Es kostet Geld. Nicht unerhebliche Summen um genau zu sein. So steht man nun vor der Wahl und muss abwägen. Möchte ich günstig wohnen? Wohnheim/WG wären angebracht. Möchte ich alleine wohnen? Apartement ist das Mittel der Wahl. Doch dafür benötigt es wieder Geld. Ein Teufelskreis. Ich persönlich habe bislang 2 Wohnformen durchgemacht: Zum Einen wäre die „Zweck-WG“ zu nennen, zum Anderen die „Kumpel-WG“
Die Zweck-WG
Studienplatz und -ort sind gefunden, zum Oktober gehts los, doch wo wohnen? Im Internet stieß ich schnell auf einen WG-Zimmer-Marktplatz im Internet und gleich das erste ausgesuchte Zimmer wurde genommen und bezogen. Ich („damals“ zarte 18) wohnte mit einem Medizinstudenten (25) zusammen. Wir kamen miteinander aus, wir respektierten die Wünsche des Anderen, haben in einem Jahr 2-3 Mal ein Bierchen zusammen getrunken, das wars dann aber auch. Wir waren keine Freunde, wir waren halt rücksichtsvolle Mitbewohner. Das Leben war auszuhalten, beide hielten in den Gemeinschaftsräumen Ordnung, doch irgendwie fehlte es an dem Teenspirit, den ich zu Studienbeginn suchte. Dazu gleich mehr. Die Zweck-WG erfüllt den Zweck des Nicht-mehr-zuhause-Wohnens, aber auch nicht viel mehr. Ausschweifende Partys sowie nackt durch die Wohnung rennen ist im Regelfall nicht möglich.
Die Kumpel-WG
Teenspirit, der. Den nämlich, den ich eigentlich suchte. Was käme also gelegener, als mit einem Schulkameraden zusammenzuziehen? Die Vorstellung ist super: Jeden Abend Bier trinken bis zum Morgengrauen, laute Musik hören, tun und lassen was man will… Je nach Personenkonstellation kann das auch gut funktionieren! Ich kenne solche Menschen. Wenn man allerdings das „tun und lassen was man will“ etwas zu übertrieben treibt und die Wohnung im Chaos und Siff endet, ist das auch nicht so das Wahre. Das Grundproblem besteht nämlich in der Aufgabenteilung. Während man in einer Zweck-WG seinen Arbeitsteil erfüllt, weil es eben einfach zweckmäßig ist, so ist in einer Kumpel-WG die Fragestellung eine andere: Warum soll ich ständig deinen Siff beseitigen? So etwas schaukelt sich dann halt hoch, bis sich doch mal jemand erbarmt und eine Grundreinigung durchführt. Die Etappen zwischen den Reinigungen sind allerdings nie so angenehm.
Fazit hier: Mit den richtigen Menschen und der richtigen Einstellung (das Bier wächst nämlich nicht auf Bäumen und es kommen auch keine Elfen, die die leeren Flaschen wegbringen!) kann das ganze auch supertoll funktionieren und man kann Jahre damit glücklich werden.
Das Single-Apartement
Habe ich noch nicht durchlebt, daher:
[fantastische Vorstellungen]Die Bastion der Glückseligkeit heißt „Alleine wohnen!“. Kostet je nach Ansprüchen meist mehr als ein WG-Zimmer, aber wer sich räumlich etwas einschränken kann, kann durchaus auch günstiger in Einraumwohnungen leben. Wenn man alleine lebt gibt es nur noch eine Person, der man Rechenschaft schuldet: Sich selbst. „Scheiße, schon wieder kein Geschirr mehr. Wer hat das alles benutzt? Ich. Muss ich wohl spülen.“ Wohnt man alleine geht der Geschirrnutzungsspülkoeffizient nämlich gegen 1. Die Formel lautet GNSK = (Geschirrteile benutzt)/(Teile gespült). In einer WG lautet die Faustformel: 1/Bewohner=GNSK. Allerdings verlängert sich im Idealfall auch der Zyklus, der den Abstand der Spülvorgänge bezeichnet. Ideal halt Spülvorgänge*Mitbewohner=Spülpflichtabstand. Beim Alleine-wohnen ist dieser natürlich 1. Man ist immer dran. Dafür kann man für sich selber entscheiden, wie sauber das Geschirr denn werden soll. Bei Mitbewohnern muss man abwägen: Wie sauber bekomme ich das Geschirr vorgesetzt? Wie sauber habe ich es also zu machen?
Ich drifte ab. Allerdings kann man diesen Spülcalculus auch auf andere Haushaltstätigkeiten übertragen: Bad putzen, saugen, Küche saubermachen, Müll rausbringen, blabla. Ich denke man sieht, worauf ich hinauswill. Man hat nicht mehr zu beseitigen, als man selber auch verursacht hat. Eine perfekte Balance aus Kosten und Nutzen.
Außerdem kann man ungehemmt nackt durch die Wohnung laufen (es sei denn, das Bad ist übern Hausflur), rauchen, furzen, Musik hören (bis die Nachbarn kommen), Dreck verursachen, heizen oder lüften wie es einem beliebt.. Es ist also ein Raum des beinahe freien Willens. Ein kleines Utopia für jeden Egozentriker. Ich freue mich drauf.[/fantastische Vorstellungen]
De-Sade’scher Widerstand
Posted in Probleme des Lebens, smile and look alive on 11. Februar 2010 by Herr GrauGerade ist mir ein schönes Wort eingefallen für ein Phänomen, das ich immer und immer wieder erklären muss:
Inhalt und Struktur der Studiengänge ist neben der Lehre vor allem darauf ausgerichtet, dass es weh tut, damit es nicht jeder Depp macht. Dieses sozialakademische Zugangsbegrenzungsglied zu privilegierten Berufen baut auf Schmerz – es ist ein De-Sade’scher Widerstand.
Antwort auf die Frage: „Welches Messer soll ich kaufen?“
Posted in Scharfe Messer, smile and look alive on 10. Februar 2010 by Herr Grau15. Revision, 13.09.2015
Lieber Leser,
wenn man wie ich in Foren aktiv ist und Menschen gerne hilft, trifft man ab und zu auf wiederkehrende Fragestellungen. Keine Frage wird dabei so oft gestellt wie:
„Welches Messer soll ich mir kaufen?“
Nicht, dass diese Frage nicht bereits hundertfach beantwortet worden wäre – die Antworten liegen nur in unzähligen Posts versteckt. Und auch wenn dieser Versuch, diese Frage ein für alle mal zu beantworten, vielleicht hie und da zu kurz greift, so mag er doch zumindest helfen, die Beratungen einfacher und fokussierter zu machen.
An erster Stelle steht eine einfache Einsicht: Auch die besten Messer werden stumpf. Wer sich nicht um das Schärfen kümmert, hat auch von den besten Messern nach ein paar Wochen nichts mehr. Messer in Härtebereichen bis etwa 60° HRC kann man zwar mit einem Wetzstahl relativ lange scharf halten, aber auch sie müssen irgendwann nachgeschliffen werden. Wer also lange Freude an seinen Messern haben will, sollte sich den richtigen Gebrauch eines Wetzstahls und das Schärfen aneignen, ansonsten sind neue Messer unsinnig.
( → Einleitung Schärfen, Wahl des Schleifsteins, Schärfvorgang)
Und nur um noch mal die Grundregeln zu wiederholen:
Nie auf Glas, Keramik, Metall oder Stein schneiden! Klinge von Knochen fernhalten! Messer gehören nicht in die Spülmaschine!
Genug der Vorrede. Es ist erstaunlich, wie sehr die Beantwortung weniger grundsätzlicher Fragen die Auswahl von „unüberschaubar“ auf „ein paar wenige“ reduziert. Diese Fragen lauten:
1. Welcher Aufgabenbereich?
Es gibt eine Vielzahl spezialisierter Messer, Messersätze enthalten häufig zehn Messer oder mehr. Das meiste ist überflüssig. Ein Kochmesser, ein Schälmesser und ein Brotmesser sind die Austattung, die man braucht. Wenn dann wirklich etwas fehlen sollte, kann man es noch nachkaufen. Das ist aber erfahrungsgemäß unwahrscheinlich. Es gilt: Weniger kaufen, dafür gut. Als Schälmesser haben sich die dünngeschliffenen kleinen Herdermesser bewährt. Mit etwa 10€ kosten sie nicht die Welt und sind im Prinzip die ideale Lösung für diese Aufgabe.
Brotmesser sind Sägen. Ist der Wellenschliff stumpf, kann er nur von einem Fachmann nachgeschliffen werden. Die scharfen Zähne reißen mehr als dass sie schneiden, daher tut es für diese Aufgabe im Prinzip jedes Messer. Hier zählen vor allem ästhetische und haptische Vorlieben. Persönliche Empfehlungen sind die Victorinox Konditorsäge im günstigen Bereich und für etwas mehr Geld das Herder Grandmoulin oder das MAC Superior Brotmesser. Aber auch jedes andere Messer erfüllt den Zweck wenigstens zufriedenstellend. Im Folgenden geht es also nur noch um das große Kochmesser. Guck an, das ging schnell.
2. Welche Form?
Dies ist einfach eine Frage von Erfahrungen und Vorlieben. Die klassischen europäischen Formen sind für den Wiegeschnitt ausgelegt. Man differenziert die deutsche Form mit hochgezogener Spitze und großem Bauch und die französische Form mit in die Mitte oder sogar tiefer gezogener Spitze und häufig insgesamt schmalerer Klinge:
Die Japaner kennen mehr als eine Universalmesserform. Das Gyuto ist die jüngste Form und entspricht dem europäischen Kochmesser zumeist französischer Form:
Das Santoku ist tendentiell kürzer und höher:
Die Frage, ob man lieber ein Kochmesser/Gyuto oder ein Santoku möchte, ist eine des persönlichen Geschmacks. Ich empfehle dem, der diese Erfahrung nicht hat, die klassische Kochmesserform. Sie eignet sich besser für den Wiegeschnitt, durch die ausgeprägtere Spitze besser zum Parieren von Fleisch und durch ihre größere Länge auch besser zum Zerteilen von Fleisch und Fisch.
Abseits dessen gibt es noch einige „Exotenformen“: Die Kenyo-Form, vor allem durch Sirou Kamo in Europa bekannt, die ich für zu schmal für ein Universalmesser halte, und das auf George W. Sears Outdoormesser zurückgehende Nessmuk, das aber keine festgelegte Form darstellt. Messer dieses Formenkreises sind selten. Ausnahmen mit dieser Kontur bilden das Tosa Bunkaboocho, das weiter unten abgehandelt wird, und das Nesmuk® von Lars Scheidler, das man getrost als gut gelaufenes Marketingkonzept abhaken kann. Und schließlich hat es noch das traditionelle chinesische Hackmesser. Gerade für Leute, die viel Gemüse verarbeiten und denen andere Messerformen zu schmal sind, sind diese Messer eine ernsthafte Überlegung wert. Es handelt sich um sehr dünne Messer, die ihr martialisches Auftreten Lügen strafen. Beste Wahl: Suien oder Sugimoto.
3. Wie viel Geld will ich ausgeben?
Diese Frage muss man sich natürlich auch stellen. Zu einem traditionellen Japanmesser gehört zumindest ein Schleifstein oder, wenn ein Stein absolut nicht Frage kommt, ein Schleifsystem (Spyderco, Lansky, Edge Pro Clone). Zu allen anderen Messern kommt zusätzlich mindestens ein günstiger Keramikwetzstab, das sollte immer berücksichtigt werden.
4. „Rostfrei“ oder Carbonstahl? Was ist Geometrie?
Rostträger Stahl („Edelstahl“, „Rostfrei“) bildet große Chromkarbide. Man kann sich das wie große, widerstandsfähige Körner im Stahl vorstellen. Ein gröberes Korn heißt eine geringere mögliche Schärfe. Dafür sind rostträge Stähle tendenziell zäher und haben bei gleicher Härte eine längere Standzeit, sind aber auch schwerer zu schärfen. Carbonstähle dagegen werden dank ihres feinen Korns schärfer und sind auch einfacher zu schärfen, halten diese Schärfe dafür bei gleicher Härte weniger lange. Es gibt exzellente Messer aus Carbonstahl, aber durchaus auch viele großartige Klingen aus rostträgem Stahl. Solange dieser richtig ausgewählt und wärmebehandelt wird, ist das fraglos möglich. Wichtiger als der Stahl ist das Messer als Ganzes. Entscheidender als der Stahl und dessen Härte ist nämlich die Geometrie der Klinge. Ein dickes fettes Messer will einfach nicht leger durch die Karotte. Der Großteil des subjektiven Gefühls eines guten Messers entsteht durch leichtes Schneiden auf Grund einer dünnen Klinge – und zwar vor allem dünn direkt über der Schneide. Ich bin der festen Überzeugung, dass Stahl, Wärmebehandlung und Härte auf eine möglichst ideale Geometrie hin gewählt werden sollten und keinstenfalls anders herum. Macht man die Messer zu dünn oder zu hart für ihre Dünne, werden sie zu empfindlich. Die Balance zu treffen und dann handwerklich makellos auszuführen, ist alles andere als trivial. Schleifautomaten können bis heute nicht das, was ein Schleifer von Hand tut. Daher sind gute handgemachte Messer industriell hergestellter Ware tatsächlich merklich überlegen.
Ein kurzes Wort zu der Pflege von Carbonstählen: Ich arbeite seit Jahren mit solchen Messern; nach dem Schneiden einmal kurz mit dem feuchten Spüllappen abwischen, am Geschirrtuch abtrocknen, das kostet ein paar Sekunden. Dass sich saures Schneidgut verfärbt, passiert auch nur, bis die Klinge vernünftig Patina angenommen hat.
5. Härte als Organisationsfaktor – Systematik, Härten und Schaubild erklärt
Der Messerkauf ist vor allem deshalb ein solches Problem, weil es schwierig ist, den Markt zu überschauen und dann in eine sinnvolle Systematik zu bringen. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dazu entschieden, den Weg über die Härte des Schneidenstahls zu gehen, denn diese hat die größte Relevanz, um verschiedene Gruppen zu trennen. Ich habe den Markt – soweit er mir bekannt ist – nach dieser Systematik in ein Schaubild gegossen, in dem jedes Messer mit einem kurzen Kommentar versehen ist. Weiter habe ich die Messer nach Preis sortiert, in die Kategorien empfehlenswert, bedingt empfehlenswert und nicht empfehlenswert gegliedert – farblich gekennzeichnet natürlich -, persönliche Favoriten markiert und die Messer mit Fünf-Blickwinkel-Reviews kenntlich gemacht und diese verlinkt. Außerdem werden Carbonstahl und rostträge unterschieden. Bei allen Messern, die dies nötig haben, wurden Bezugsquellen angefügt. Ich habe alle Preise von Importmessern als deutsche Endpreise nach Versand und Zoll ausgerechnet.
Im Folgenden werde ich kurz die Vor- und Nachteile der einzelnen Kategorien darlegen, weitere Informationen zu den Messern sowie die Legende finden sich in dem Schaubild.
Sehr weicher Stahl (~ 53 – 54° HRC) findet sich traditionell bei den französischen Sabatier-Kochmessern aus der Messerstadt Thiers. Diese müssen häufig auf dem Stahl gewetzt werden, da sie die Schärfe nicht lange halten. Dafür sind sie auch bei dünnen Geometrien sehr unempfindlich und werden sehr schnell wieder sehr scharf.
Die nächst härtere Kategorie (~ 55-56° HRC) bilden die deutschen Kochmesser. Diese sind ebenfalls sehr unempfindlich und können auf dem Wetzstahl lange scharf gehalten werden, allerdings sind die meisten dieser Messer dank Maschinenschliff so dick, dass sie wenig Freude bereiten.
Die inzwischen größte und beliebteste Kategorie bilden die Messer mittelhoher Härte (~ 58 – 61° HRC). Diese Messer sind hart genug, um eine gute Standzeit zu gewährleisten, aber noch nicht so hart, dass ihre Sprödigkeit sehr dünne Schneiden unmöglich macht, weshalb viele – ich auch – sie als goldene Mitte ansehen. Diese Kategorie wird primär von den japanischen Firmen bedient, die sie auch erschlossen haben, es gibt aber einige Ausnahmen. Hier kommen verschiedene Stahlgüten zum Einsatz. Das untere Ende des Spektrums bildet der Chrom-Molybdän-Standardstahl. Er kommt bei den meisten günstigeren Messern zum Einsatz und hat die geringste Standzeit. Vergleichbar sind günstige Carbonstähle wie bspw. SK4, die aber fast allesamt aufgrund ihrer hohen Reaktivität nicht zu empfehlen sind. Besser sind Messer aus weniger hoch gehärteten Papierstählen (hauptsächlich Weißpapierstahl) und schwedischen rostträgen Stählen von Sandvik und Uddeholm. Diese werden bei richtiger Wärmebehandlung erstaunlich scharf und haben eine sehr gute Standzeit. Auch am Markt aber zunehmend weniger genutzt sind die Takefu Goldstähle (VG), die häufig in Mehrlagenmaterialen vorkommen. Vor allem VG10 ist auf Grund seiner schweren Schärfbarkeit und Sensitivität auf falsche Wärmebehandlung mit Vorsicht zu genießen. Der Großteil der Messer dieser Kategorie kann auch auf dem Wetzstahl scharf gehalten werden.
Schließlich bilden die traditionellen japanischen Messer aus Weiß- oder Blaupapierstahl die härteste Kategorie (~ 62 – 65° HRC) konventioneller Stähle. Sie werden extrem scharf und halten diese Schärfe auch lange, dafür sind dünne Geometrien schwierig zu realisieren, da mit der Härte auch die Sprödigkeit steigt, wodurch die Schneiden ab einer bestimmten Dünne zu empfindlich werden. Es gibt Dreilagenkonstruktionen, entweder aus fertigem Walzlaminat (günstiger) oder von Hand verschweißt (Warikomi, teurer), und komplett aus Papierstahl gefertigte und dann im Lehmmantel differenziell gehärtete (Honyaki, sehr teuer) Messer. Alle Messer müssen auf Steinen scharf gehalten werden, Wetzstähle richten hier Schaden an.
Die höchste Härtekategorie (>63° HRC) bilden Messer aus pulvermetallurgischem Stahl. PM-Stahl ist sehr schwer zu schärfen und nur wenige Firmen haben das Know-How, den richtigen Stahl so zu verarbeiten, dass er nicht grauenvoll zum Ausbrechen neigt. Ich habe alle diese Messer als bedingt empfehlenswert markiert, da ich niemandem ein solches Messer ans Herz legen würde, der nicht genau weiß, worauf er sich einlässt.
Hier ist das Schaubild:
(Anmerkung: Da die Bilddatei über hundert mal so groß ist, habe ich das PDF-Format gewählt. Es wird daher ein PDF-Reader benötigt.)
So, das ist es. Wer Fragen hat, kann mich gerne anschreiben. Im Messerforum wird auch noch jedem geholfen. Wer nichts gefunden hat, dem kann glaube ich auch nicht mehr geholfen werden.












