Dresswatches – eine persönliche Favoritenliste

Posted in smile and look alive on 14. Oktober 2013 by Herr Grau

Als Mann sind einem nicht viele Accessoires gegeben, durch deren wohlfeile Wahl man seinen überlegenen Geschmack dem tumben Pack richtig schön ins Gesicht dreschen kann. Das wichtigste dieser sowieso schon kleinen Ding-Menge ist fraglos der Zeitmesser.
Oder anders gesagt: Ich kaufe deutlich zu viele Uhren.

Jetzt finde ich die allermeisten Klötze schlicht prollig. Mir ist einfach nicht so richtig klar, warum jeder Spargeltarzan von einem Sachbearbeiter dringend einen Diver-Chronographen braucht. Die Kisten sind riesig, schwer und in neunundneunzig von siebzig Fällen ein klarer Fall von gewollt und nicht gekonnt. Der Rolexträger ist die Überholspur-Pars Pro Toto für den großen Haufen Leute, die entweder Preis oder Menge an Metall, am liebsten aber beides mit Schönheit verwechseln. Warum ich einen guten Teil meiner Leser gerade schwer beleidige? Ich kaufe zu viele Uhren. Ich muss es rechtfertigen.

Mein Ideal einer Uhr ist die Dresswatch: Von der Größe her auf den Arm abgestimmt, so flach wie möglich und im Design von schlichter Schönheit. Und ja, ich rede von mechanischen Uhren. Nein, ich kann das nicht wirklich rechtfertigen. Mechanische Uhren sind einfach wertiger, sie fühlen sich wie ein tatsächlicher Gegenstand an, nicht wie eine kurzfristige Erscheinung aus dem Kaugummiautomaten. Aber weil ich glaube, dass jemand, der nicht an einem zumindest ähnlichen Uhren-Wahn leidet wie ich, diesen Artikel gar nicht bis hier gelesen hätte, gehe ich also jetzt mal laut jodelnd die Zwischenrufe übertönend davon aus, dass mir alle so weit zustimmen und unwahrscheinlich neugierig sind, wohin die Reise geht. Nun – ich spüre meiner idealen Uhr schon seit Jahren nach; es wird Zeit, die Ergebnisse mit der Welt zu teilen. Zu diesem Zweck jetzt eine Aufzählung meiner fünf persönlichen Favoriten.

1. Jaeger LeCoultre Master Ultra Thin 38
    Edelstahl – 4950€

jaeger-lecoultre-master-ultra-thin

Die Liste wird angeführt von der Ultra Thin von JLC. Nicht weil sie teuer ist – ist sie – oder von einem der prestigeträchtigsten Hersteller überhaupt kommt – tut sie -, sondern schlicht und einfach, weil ich sie für die perfekte Dresswatch halte. Die eine. In ihr tickt – man erwartet es bei dem Preis – ein Manufakturkaliber, das nur 1,85mm dicke Calibre 849. Durch die Verwendung dieses kleinen Viechs ist die Uhr nur 6,3mm dick und unschlagbar unschlagbar. Es gibt sie in etlichen Ausführungen, in Edelstahl gefällt sie aber am meisten. Für Menschen mit großen Armen gibt es sie auch in 41mm, für mich ist das aber deutlich zu raumgreifend. Sollte ich irgendwann mal über einen Topf Gold stolpern – der nächste Gang wäre schnurstracks zum JLC-Konzi.

2. Stowa Antea Kleine Sekunde – 680€

gut2

Die Firma Stowa aus Pforzheim hat sich unter den wiederbelebenden Händen von Jörg Schauer prächtig gemacht. Sie lancieren wunderbare Flieger- und Marineuhren und fertigen auch auf Basis des großartigen Peseux 7001 eine Antea Kleine Sekunde genannte Bauhaus-Uhr, die dem unbedarften Betrachter wahrscheinlich von Nomos seiten her bekannt vorkommen dürfte. (Ich habe sie hier schon einmal vorgestellt.) Tatsächlich hat Stowa dieses Design jedoch historisch gesehen vor Nomos verwendet, sodass man besser nicht laut „Plagiat!“ schreit und hysterisch Richtung Stowa zeigt.  Die Kleine Sekunde misst 36mm im Durchmesser und ist dank des Peseux-Werks nur 6,9mm hoch. Für Menschen mit dickeren Armen gibt es auch Varianten in 39mm (Antea 390 – 8,1mm hoch) und 41mm (Antea KS41 – 9,7mm hoch), aber beide sind des dort verbauten Uhrwerks wegen (Soprod A10 und Unitas 6498-1) deutlich teurer und bauen auch höher. Die 36mm der Kleinen Sekunde wirken der dünnen Wände und der zylindrischen, nicht rezidierenden Form wegen aber auch an einem normalen Männerarm keinstenfalls verloren. Die Uhren sind ausnahmslos vorbildlich verarbeitet und kommen mit Saphirglas in Deck- und Bodenglas.

3. Hamilton Intra-Matic
Edelstahl / Helles Ziffernblatt – 700€

intramatic

Hamilton war lange eine der traditionsreichsten Uhrenmarken der Verstaatlichten Einheiten Englischamerikas, bevor sie sich zum großen Wehleid der USaner 1969 gezwungen sah, ihre gesamten Produkte in der Schweiz fertigen zu lassen und das Heimatwerk in Pennsylvania zu schließen. Solche Schritte werfen nie gute Schatten voraus, und so kam es dann auch, dass die Produktion ’71 vollständig eingestellt und der Name an die Swatch Group verkauft wurde. Nachdem diese Fachleute dann etliche Wiederbelebungsversuche mit Hochdruck in den Sand gesetzt hatten, gelang es in den späten 80ern endlich, die Marke wieder mit Leben zu füllen und am Markt zu etablieren. Man kann nur sagen, dass Hamilton seit dem sehr vorausschauend und sinnhaft gemanaget worden ist. Die Designs arbeiten Erfolge der Vergangenheit mit viel Fingerspitzengefühl wieder auf, wodurch eine größere Zahl sehr tragbarer Uhren entstanden ist. Die Intra-Matic borgt ihren Namen und ihr Design von einem Vorgänger aus den 60er-Jahren: Die Uhr war mit dem damals revolutionären Burgen Mikrorotor-Kaliber 1320/22 ausgestattet, das seinerzeit um die Krone des flachsten Automatikkalibers rang und schließlich als erstes Automatikuhrwerk überhaupt zu einem Chronographen umgerüstet werden konnte. Man hört Stimmen unter den Liebhabern, die die Neulancierung dieser Uhr – besonders unter diesem Namen – mit dem ETA 2829-2 als Faupax gegen diese glorreiche Geschichte beweinen. Meine Augen dagegen sehen eine großartige – und bezahlbare – Uhr, die mit großer Liebe zum Detail die klassische amerikanische Dresswatch wieder erwerbbar macht. Es ist mir nur recht, dass unter der Haube kein elendig teures Mikrorotor-Manufakturkaliber tickt, sondern das „bessere“ ETA Automatikwerk, das von jedem Uhrmacher in der kirgisischen Steppe noch für einen schmalen Rubel revidiert werden kann. Nominell ist die Uhr zwar 10mm dick, aber das gilt nur für die Mitte des gebogenenen Saphirglases. Durch Zurückschneidungen am Rand wirkt sie deutlich dünner und trägt sich auch sehr leicht. Desweiteren macht der dünne Rand sie optisch größer als ihr Durchmesser von 38mm das suggerieren würde. Meine einzige Kritik trifft das weniger doll aussehende Fabrikband und die Tatsache, dass auf dem Ziffernblatt sowohl „Automatic“ als auch „Intra-Matic“ steht. Aber man kann sich natürlich auch alles zernörgeln. In meinen Augen übrigens auch die schönere Alternative zur Mathiesen OM8, die zwar etwas flacher, aber auch im Durchmesser etwas klein ist und es deswegen nicht in diese Aufzählung geschafft hat.

4. Junghans Meister Handaufzug
Edelstahl – 1090€

Junghans

Junghans ist eines der wenigen noch bestehenden deutschen Traditionsunternehmen, mit deren Name fast jeder etwas anfangen kann. Einst waren sie mal der größte Uhrenhersteller der Welt. Der Weg zum heutigen Tag war allerdings zwischenzeitlich ganz schön holperig. 2008 war das Unternehmen nämlich insolvent und wurde schließlich von dem deutschen Unternehmer Hans-Jochem Steim gekauft. Zu unser aller Glück ist der neue Besitzer kein Dödel, sondern offensichtlich ein Mann mit Verstand: Seit der Übernahme schreibt Junghans wieder schwarze Zahlen und lanciert eine schöne Uhr nach der nächsten. Bereits vor der Übernahme gab es die Linie der exzellenten Max Bill Uhren und man darf sich zurecht freuen, dass diese Linie jetzt weiter verfolgt wird, heißt: Schöne Bauhausuhren in guter Fertigungsqualität. Die Meister Handaufzug ist ein ganz großer Wurf, wenn man mich fragt oder auch nicht brutal genug zum Schweigen zwingt. Das verbaute Peseux 7001 – Junghans nennt es aus Eitelkeit J815.1 – erlaubt eine Bauhöhe von gerade mal 7,3mm bei 38mm Durchmesser, die dünnen Wände lassen die Uhr größer wirken, als sie ist, wodurch der Arm etlich kräftig werden muss, bis sie zu klein ist. Die einzigen beiden Makel sind das verbaute Plexiglas (obgleich man darüber trefflich streiten kann, denn Plexiglas hat das Alleinstellungsmerkmal, sich einfachst wieder aufpolieren zu lassen) und .. der Preis. Meines Erachtens müsste die Uhr mindestens zweihundert Euro günstiger sein. Damit haben wir auch schon den einzigen Grund, warum ich noch keine besitze. Kommt aber noch. Die Meister Klassik mit Soprod A10 („J820.2“) ist übrigens auch eine sehr schöne Dresswatch und hätte es fast in diese Liste geschafft.

5. Nomos Glashütte Orion 38 – 1720€

Picture 004Die Firma Nomos aus Glashütte hat sich mit ihrer Tangente vor einigen Jahren einen Goldesel an den Markt gestellt – den man in der Form allerdings günstiger und authentischer von Stowa haben kann. Seitdem variieren sie das Thema die Straße rauf und runter: Marine, sportlich, eckig, lateinische Zahlen, andere Ziffernblattfarben .. und die Orion, die zwar schon merklich dem gleichen Designkonzept entspringt aber dann doch ganz anders ist. Namentlich ist der Ziffernsatz als aufgesetzte Striche ausgeführt und kontrastiert in dieser Version wunderbar gülden mit den gebläuten Zeigern, desweiteren ist das Gehäuse nicht bis oben hin streng zylindrisch. Diese beiden Fakten – und dass sie mit ihren Maßen 38mm / 8,8mm äußerst plaisierlich daher kommt – machen sie zu einer wunderbaren Dresswatch, die durchaus neben einer Tangente oder Antea im Regal stehen darf, ohne redundant zu wirken. Leider spürt man das Manufakturkaliber alpha (Handaufzug, 10 ½ Linien, 2,6mm hoch) deutlich im Portmonee. Dafür hat man dann aber auch die Uhr schön.

Und jetzt gehet los und gebet auch zu viel Geld für Uhren aus!…

Wichtige Worte: something positive #6

Posted in Allgemein on 10. Oktober 2013 by Herr Grau

„You’re not listening to half of what I’m saying.“
„It’s your fault. You’re not saying what I want to hear.

Probleme des Lebens #19

Posted in Probleme des Lebens on 26. September 2013 by Herr Grau

Die Sonderausstellung zu Sex und Evolution im Museum wird mit „Mitmachstationen und Einbindung interaktiver Medien“ beworben.
Ein ganz normaler Tag in Deutschland.

Ossobuco alla milanese

Posted in Essen & Trinken on 21. September 2013 by Herr Grau

Was dem Franzosen sein Bœuf bourguignon, das dem Italiener sein Ossobuco. Okay, bevor ich mich jetzt in einen hoffnungsvollen Zweifrontenkrieg verstricke – vielleicht nicht ganz. Aber ein bisschen. Beides sind Schmorgerichte aus ländlichen Regionen, die auf zähem, außerhalb des Schmortopfes unbrauchbarem Fleisch aufbauen, das lange und liebevoll in Wein geköchelt wird. In beiden ist die Zugabe von Fleischfond oder diversem Gemüse optional. Und mit beidem kann man nahezu jede nur denkbare Beilage veredeln, in meinen Augen im Idealfall einfach gutes Brot. Letzterlich: Wie das Gericht mit dem unmerkbaren französischen Namen – und eigentlich fast jedes andere Schmorgericht – ist auch Ossobuco von jedem noch so unerfahrenen Küchenlaien ohne weiteres bestreitbar, so er denn den Weg zu seiner Küche noch findet.

IMAG1012

Natürlich gibt es Unterschiede. Ich werde jetzt aber nicht meine Zeit damit vergeuden, meine eigene schöne Einleitung damit zu verregnen, diese auch noch aufzuführen – ich überlasse das großzügig und völlig optional dem Forschergeist des Einzelnen. Vielmehr werde ich jetzt laut und Publikumsfragen übertönend verkünden, dass man sich anschicke, pro Person ein bis zwei etwa doppeldaumendicke Beinscheiben vom Kalb zu besorgen. Diese sollten bei einem Metzger, der halbwegs die Mäßigung unseres Misstrauens in seine Fähigkeiten wert ist, gegen Bestellung für sehr schmales Geld zu haben sein. Und wie so oft ist dieses arg günstige Fleisch mit einem kleinen bisschen Liebe und Geduld zu enormer Schmackhaftigkeit überredbar. Man muss lediglich…

Okay, als erstes besorgt man sich einen Topf, in dem man schmoren kann. Ich mache diese Sachen am liebsten im Backofen, aber auf kleiner Herdflamme schmort es sich genauso gut. Ein großer Pott mit Deckel muss so oder so her. Die Beinscheiben werden in Mehl gewendet und scharf in ordentlich Butter angebraten. Wenn sie außen schön braun sind, Feuer auf mittlere Hitze zurücknehmen und grob – ja, hier mal sehr grob – gewürfelte Zwiebeln und Karotten in den Topf geben, wer mag auch Sellerie. Ein bisschen anschwitzen, Hitze aufdrehen und Topf mit ordentlich Wein deglacieren. Der Mailänder nimmt Weißwein und eventuell Fleischfond. Ich habe auch nichts gegen Roten, entweder wenn man keinen Fond in die Finger kriegen kann oder wenn das Ganze am Ende etwas dunkler werden soll. Wein und Fond in gleichen Teilen zu nehmen, ist ein guter Anhaltspunkt. Optional, aber von mir als schwer verzichtbar befunden, ist eine Dose stückige Tomaten. Von der Menge her muss man einfach sehen, dass das Fleisch gut abgedeckt ist. Einige Zweige Thymian, Oregano, etwas Rosmarin, ein oder zwei Blätter Lorbeer kommen auch noch dazu, dann kommt der Topf auf kleiner Flamme auf den Herd oder bei 150° in den Backofen. Drei Stunden lang Was Ist Was Band 88: Ritter lesen gehen.
Nach Abschluss dieser stets mehr als überfälligen Auffrischung wichtiger Bildung kehren wir an den Ort des Geschehens zurück. Es ist an der Zeit, den Topf potentiell aus dem Backofen auf eine moderate Flamme des Herdes zu heben und den Deckel zu lüften. Mittels gemächlichem Kochen darf jetzt noch ein bisschen an der Konsistenz gedreht werden, so denn nötig. Aber vorsicht: Großes Rühren sollte vermieden werden, sonst zerfällt uns das Fleisch direkt am Platz. Während jetzt diese letzte Phase der Zubereitung eintritt, müssen wir noch zweierlei tun: Erstens ist unsere Beilage vorzubereiten. Pasta, Polenta oder einfach Brot dienen sich an. Und letzterlich ist eine Gremolata herzustellen, ein Schritt, der auf keinen Fall ausgelassen werden sollte. Dafür hacken wir glatte Petersilie und geriebene Zitronenschale zusammen – und wenn uns denn der Sinn danach steht auch etwas rohen Knoblauch. Wenn alles so weit ist, nehmen wir das Ossobuco vom Feuer, salzen, pfeffern und ziehen die Gremolata mit einem guten Stück kalter Butter unter. Wie gesagt: Vorsicht walten lassen, damit möglichst jeder noch ein intaktes Stück Fleisch bekommt.
An diesem Punkt könnte man die vormals zähe Jungkuh mit dem Löffel essen. Mit etwas Determination vermutlich sogar mit einem Strohhalm.
Servieren und genießen. Besonders das Mark in den Knochen ist eine besondere Belohnung für unsere überaus harten Mühen.

IMAG1013

Ein Offenbarungseid

Posted in Probleme des Lebens, smile and look alive on 12. September 2013 by bic_mac

Disclaimer: Dieser Artikel hat nichts mit kochen, trinken, schneiden, fliegen, oder anderen schönen Dingen zu tun. Es ist ein klassischer Rant, der am besten in pöbelesquer Stimmung genossen werden sollte.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Da diese Zeile existiert ist es nun aber offenbar so, dass ich es schlussendlich tat. Und da sind wir auch schon beim Leitmotiv angekommen: die falsche Verwendung des Wortes offenbar durch deutschsprachige Medien. So wie oben gesehen ist es recht; ein Sachverhalt ist für jedermann leicht zu verstehen und erschließt sich auf den ersten Blick. Eigentlich nicht schwer, ist das Wort doch eigentlich ab Werk selbsterklärend – möchte man meinen.

Weiterlesen

Tiramisú

Posted in Essen & Trinken on 11. Juli 2013 by Herr Grau

imag1957

Der Fachmann hat vermutlich geahnt, dass es früher oder später dazu kommen musste: Tiramisú, das eine, das quintessentielle italienische Dessert. Obwohl es diesen Begriff erstaunlicherweise erst seit den Siebzigern gibt, kann damit eigentlich jeder halbwegs fünfjährige Bewohner der halbwegs zivilisierten Welt wenigstens grob etwas anfangen. Und ich kenne niemanden, der es nicht lieben würde. So es denn gut gemacht ist. Eine fast obligatorische Anmerkung an dieser Stelle, ist mir bewusst. Aber nur weil ich weiß, dass meine Missioniererei zeitens nur mit viel gutem Willen lediglich nervtötend genannt werden dürfte, heißt das noch lange nicht, dass ich daran irgendetwas ändern würde. Besonders im Angesicht von solchen Perversionen wie beispiels „Tiramisú mit Limoncello“ findet mich die Idee des Axtmordes als durchaus aufgeschlossenen jungen Mann. Eine ganz bestimmte Art von Dessert aus Mascarponecreme und Biscuit heißt Tiramisú. Alles andere ist – diplomatisch tautologisiert – alles andere. Schritt eins: Wir stecken uns saisonale Früchte und kreativistische Twists mit Schwung an den Hut.

imag1954

Mein Vater liebt Tiramisú, eine der wenigen Speisen, bei der er aus begeistertem Hedonismus leidenschaftlichen Perfektionismus zu schöpfen im Stande ist. Entsprechend war es eine der ersten Speisen, die ich selbst herzustellen gelernt und derer stetigen Verbesserung ich mich verschrieben habe. Mit kaum einem anderem Rezept habe ich bereits so viel Erfahrung. Ich zeige selten mit einem großen Leuchtpfeil auf meine Expertanz, in diesem Fall werde ich mir das aber zur Feier des Tages mal nicht schenken. Denn ich wage zu behaupten, dass ich inzwischen tatsächlich relativ genau weiß, wo der Ziegenbock den Honig hat. Zuvorderst kochen wir etwa 200ml sehr starken Espresso und lassen ihn kalt werden. Wenn das so weit ist, mischen wir ihn mit 100ml Marsala, einem italienischen Dessertwein, und stellen ihn beiseite. Bevor einer fragt:
Ja, die Verwendung von Amaretto oder Weinbrand wird mit Ausbürgerung nach Österreich bestraft. Und wer übrigens irgendwann im Verlaufe der Arbeit Gelatine in die Hand nimmt, qualifiziert sich für noch weit musikantenstadlschere Torturen. Aber zurück zu dem Teil, wo ich meinen Lesern nicht Gewalt androhe: Wir trennen sodann mal gepflegt vier Eier. Frische spielt hier eine große Rolle und auch sauberes Aufbrechen der Schalen: Es wird rohes Ei verwendet, man sollte alle möglichen Vorkehrungen treffen, um die Gefahr einer Salmonellen-Party zu vermeiden.
Außerdem wird die Creme auch ganz einfach mit alten Eiern nicht gut. Die Eigelbe werden mit 80g Puderzucker mindestens fünf Minuten cremig geschlagen. 500g guten italienischen Mascarpone unterziehen. Die Eiweiße dann mit einer kleinen Prise Salz richtig ordentlich steif schlagen. Eischnee ist dann gut, wenn man die Schüssel damit umdrehen kann und er genau da bleibt, wo er ist. Genießer machen diese Probe über dem Kopf ihres Nächsten. Jetzt kommt es zu dem berühmten Einfalten des Eischnees, vor dem jeder Hobbykoch irgendwie geheime Ängste hegt, will er doch die ätherische Luftigkeit nicht zerstören. Wenn ich schon die Technik nicht zeigen kann, hier zumindest ein guter Trick: Etwas in eine zähe Masse einzufalten, ist ordentlich schwer. Das ganze Unternehmen hat direkt deutlich bessere Erfolgschancen, wenn man zwei oder drei große Löffel Eischnee vorneweg ohne viel Spektakel einfach einrührt. Danach den Rest einfalten, wie es einem am besten erscheint. Und so schnell sind wir schon an dem Punkt angekommen, an dem wir das Kunstwerk zusammenhäkeln: In einer Form – ein abnehmbarer Rahmen als Rand hat später wirklich enorme Vorteile, ist aber nicht absolut grundnotwendig – legen wir eine Lage Biscuit aus. Für die angegebene Menge werden übrigens insgesamt grob 300g Langkekse fällig. Und jetzt wichtig, Finger aus de Gummibärchen, Sabbath leiser drehen, obacht! Unsere Espresso-Marsala-Mischung wird nicht grobmotorisch zuberweise im Gebäck verklappt. Wenn die Dinger durchgeweicht sind, kann man das Tiramisú noch gut zum Bewerfen von vorgesetztem Personal verwenden, seine Speisetauglichkeit hat es dann allerdings verloren. Um diesen weniger karrierefreundlichen Ausgang zu verhüten, bedienen wir uns einer kleinen Saucenkelle und verteilen den Kaffeefusel mit viel Liebe, Vorsicht und Feingefühl. Eine kleine Kelle, vielleicht zwei bis drei Esslöffeln äquivalent, pro Biscuit. Wer unsicher ist, kann auch einfach mal eines berieseln und dann zerbrechen. Der Rand sollte wenige Millimeter gefärbt sein mit einem großen jungfräulich weißen Kern. Diese Aufgabe erledigt, wird die Hälfte der Creme darauf verteilt, eine weitere Lage Biscuit folgt. Dass diese auf die selbe Art getränkt und dann mit Creme bedeckt wird, schämt man sich schon fast zu explizieren. Als letztes sei noch gesagt, dass man das schmackhafte Dessert nicht sofort, sondern erst kurz vor dem Servieren, nachdem es mindestens einige Stunden im Kühlschrank geruht hat, mit reinem Kakaopulver bestreuen sollte. Ahh, Tiramisú .. Nicht von Mensch noch Gott zu verbessern. Also gar nicht erst versuchen.

Cornelius Bräu Opulentus

Posted in ... weiter nichts als Bier on 24. Juni 2013 by hoegi

Nachdem ich zuletzt den vernünftigen kleinen Bruder aus der Cornelius-Bräu-Familie verköstigte, steht heute die grobe Dicke auf dem Plan. Der Name lässt schon Rückschlüsse auf Charakter und Qualität des Bieres zu: „Opulentus“ ist von dem lateinischen ops abgeleitet, was in etwa „Macht, Vermögen“ bedeutet. Unter „opulent“ versteht man im Deutschen laut Duden etwas „sehr reichliches und von vorzüglicher Qualität“. Das wollen wir ja mal sehen.
SAMSUNG
Einen inneren Reichsparteitag beschert mir (wie schon das Sanctus) der Öffnungsvorgang des Braubehältnisses. Mit einem kräftigen Entkorkungsgeräusch (onomatopoetisch: *plopp* [prächtig, rund, voll]) lässt sich der Korken seiner Abdichtungsfunktion berauben und dem fertigen Bier einen Erstkontakt mit der frischen Luft angedeihen.
Das Bier riecht zuerst süßlich nach Karamell, nach längerem Nasalkontakt mischt sich eine ledrige Note mit ein.
Der erste Schluck entspricht stark dem Antrunk des Sanctus, es überrascht jedoch, dass der Alkholgehalt von 9,2 Vol.-% nicht stärker durchscheint. Stattdessen machen sich malzige, altbierartige Nuancen breit, die von einer gewissen Süße gefolgt werden, welche gepaart mit einer minimalsten Alkoholnote den Rachen passieren.
Vielleicht werde ich schlagartig alt und meine Geschmacksnerven versagen, oder es macht mir einfach nichts aus, dass ein Bier mit so viel Alkohol dennoch trinkbar ist, oder dieses Bier ist tatsächlich überraschend lecker. Ich hoffe auf eine Mischung aus 2 und 3.
Etwas traurig stimmt das Aussehen des Bieres, nachdem es ein paar Minuten im Glas vor sich hingeatmet hat. Der fragile Schaum zerfällt schnell und hinterlässt nicht viel mehr, als eine bräunlich-dunkle Brühe mit einem Ansatz eines Schaumrandes. Das sieht nicht sehr appetitlich aus und ist insbesondere in der Hinsicht schade, als dass das Bier nicht geschüttet, sondern genossen werden möchte.

Geschmack: 7,5 Punkte.
Das Bier entwickelt seinen Geschmack sehr verzögert, überrascht dann allerdings mit einer überzeugenden Ausgewogenheit, die nur vom zu erahnenden Damoklesschwert in Form der leichten Ahnung des sich versteckenden Alkohols beeinträchtigt wird.

Preis: 3 Punkte.
Auch hier weiß ich nicht, wie teuer das Bier tatsächlich ist, daher richtet sich die Bepunktung nach der des Sanctus.

Flasche: 9 Punkte.
Hier gilt ebenfalls: Alles wie beim Sanctus. Verkorktes Bier ist einfach geil, das Etikett eher weniger.

Fazit: 7,1 Punkte!
Ich würde dieses Bier wahrscheinlich nicht benutzen, um mich damit vorsätzlich zu betrinken, auch wenn das mit annähernd 10% gewiss gut funktionieren würde. Wohl aber empfehle ich das Cornelius Bräu Opulentus jedem Genusstrinker, der weder Zeit noch Muße hat, sich mit der Materie des Weintrinkens zu befassen. Auch Biertrinken kann edel und entschleunigt sein.

Cornelius-Bräu Sanctus

Posted in ... weiter nichts als Bier on 20. Juni 2013 by hoegi

Heute erwartet euch und mich eine ganz besondere Spezialität aus der Welt des Hopfengenusses. Vor mir steht ein flaschengegorenes, zumindest in lokal hier in Aachen vertriebenes (wer weiß wo es gebraut wird), Spezialbier mit 7,7 Vol.-%. Laut Herstellerseite wird das Bier auch tatsächlich nach Aachener Familienrezept hergestellt, also behaupte ich blindlings einfach mal, dass es sich um ein absolut lokales (und damit sehr löbliches) Getränk handelt. Das Trinkgefäß der Wahl scheint ein Trappistenglas zu sein, daher schwenke ich noch weiter aus und behaupte, dass es sich hier um eine Art Trappistenbier handelt, und wenn doch nicht, dann wenigstens um ein Bier nach belgischer Machart. Das kann gut, kann aber auch fürchterlich sein. Onward!
Cornelius-Bräu Sanctus
Der Öffnungsvorgang hat bringt in seiner Durchführung eine nicht verachtenswerte Hochwertigkeit mit sich. Ein Bier mit Korken, das hat man nicht alle Tage. Es sei dazu gesagt, dass das die Haltbarkeit des Bieres drastisch beeinflusst: seit November 2012 schlummert die Flasche in meinem Kühlschrank, die Haltbarkeit ist auf Mai 2014 festgelegt.
Der Einguss des Bieres gestaltet sich überraschend. Statt einer sämig-schaumigen Konsistenz wartet das Sanctus mit einer eher sekthaften Perligkeit auf. Der Schaum entfaltet sich flockig und leicht, zerfällt aber auch ebenso schnell wie er entstand.
Der Eindruck des sektartigen Charakters spiegelt sich auch im ersten Antrunk wieder. Die naturbelassene, trübe Farbe des Bieres verspricht einen samtigen, vollen Schluck, was durch das Bier allerdings mit einer dünnflüssigen, sehr kohlensäurenlastigen Viskosität widerlegt wird. Von dort an gestaltet sich der Geschmack anfangs wie antizipiert, es entfaltet sich eine Note von Trauben, die möglicherweise durch Konditionierung aus seltenem Sektkonsum angedieh, die in einer langanhaltenden Würzigkeit mündet, welche noch lange nach Abtrunk im Rachenraum verbleibt. Ich bin geneigt zu sagen, dass eine leicht brennende Note am Gaumen verbleibt, die mir eigentlich unangenehm erscheint, allerdings sollte dieses Bier nicht auf einer Ebene mit üblichen, süffigen oder flachen Bieren verglichen werden. Auf den zweiten Schluck schmiegt sich das Bier an die Geschmacksknospen des Trinkers und umhüllt diese mit einer angenehm schweren, langen Geschmacksfülle, die viele alltägliche Biere heutzutage vermissen lassen. Ich bin überrascht von der Komplexität des Bieres und der Ratlosigkeit, die eben jenes in mir hinterlässt. Das Cornelius-Bräu Sanctus ist gewiss kein Bier, das man zum Schütten in rauhen Mengen trinken kann und auch keines, was man geflissentlich als Nebentätigkeit bearbeitet. Dieses Bier ist ein Genussbier und als solches will es auch behandelt werden. Wie eingangs vermutet, erinnert das Bier sehr an belgische Biere, was in diesem Zusammenhang allerdings sehr positiv gemeint ist.

Entgegen aller Gewohnheiten hier abschließend die Zusammenfassung des Testes:

Geschmack: 8 Punkte.
Das Bier entfaltet sich erst 20-30 Sekunden nach Antrunk, bis dahin erscheint es zu herb und klemmt förmlich die Geschmacksnerven ab. Nach Ablauf dieser Zeit entfaltet sich das gesamte (tut mir leid für den Begriff) Bouquet des Getränkes. Interessante Erfahrung!

Preis: 3 Punkte.
Ich habe das Bier geschenkt bekommen, daher muss ich raten, dass das Bier wahrscheinlich recht teuer war. Ich gehe von einem Preis von 2-3€ pro 0,375-Liter-Flasche aus.

Flasche: 9 Punkte.
Das Bier kommt in einer kleinen, verkorkten und typisch grünen Champagnerflasche daher. Für ein Bier sicherlich ungewöhnlich, aber das Öffnen war mir ein Fest. Einen Punkt Abzug gibt es für das lieblos gestaltete Etikett.

Fazit: 7,6 Punkte!
Trotz oder gerade wegen seiner fast 8% fällt das Bier aus allen mir bekannten Biertrinkerschemen aus. Nachdem der erste Schock des an Sekt erinnernden Geschmackes und der Konsistenz überwunden ist, gestaltet sich das Bier als sehr vielfältiges, angenehmes Genießergetränk. Ich bin trotz meiner zahlreichen Worte sprachlos.

Pasta alla Gricia & Pasta All’Amatriciana

Posted in Essen & Trinken on 19. Juni 2013 by Herr Grau

IMAG0692

Im Latium scheint man mit großer Leidenschaft Käse mit Nudeln zu vermischen. Carbonara ist die Variante mit Speck, Parmesan und Ei, in der Hauptstadt Rom im Herzen des Latiums hat Cacio e Pepe, also Pasta mit Peccorino Romano und Pfeffer, Lokaltradition. Wenn man sich irgendwo in der Mitte trifft und Speck und Peccorino nimmt, ist man bei Pasta alla Gricia angekommen. Ich hatte einen exzellenten Lardo im Haus, also wählte ich der eher zurückhaltenden Natur des Rückenspecks entsprechend einen milden, jungen Peccorino. Man wird aber häufiger die Variante mit Guanciale antreffen, ein herrlicher Speck aus Backe und Nacken des Oink-Tiers und wenn man ehrlich ist, macht sich Lardo viel besser auf Brot, in Nudeln geht er trotz aller Vorsicht zu leicht unter. Und dafür ist er einfach zu schade. Das erklärt vermutlich auch, warum sich damit fast keine Rezepte im Internet finden.

Der Herstellungsalgorithmus ist nicht allzu anders als bei der Carbonara auch: Nudeln aufsetzen. Speck in einer Pfanne mit Olivenöl oder Butter anbraten. Wenn der Knusperigkeitsgrad den Individualgeschmack kitzelt, wird das Ganze mit einer großen Kelle Pastawasser abgelöscht. Auf der Hitze lassen. Nudeln wie bekannt drei Minuten weniger kochen als auf der Packung anberaumt und mit einer weiteren Kelle Pastawasser in die Pfanne geben. Dann eine Handvoll geriebenen Peccorino pro Person unterziehen, pfeffern und bis zur gewünschten Sämigkeit herunterkochen. Eventuell nachsalzen, so der Speck diese Aufgabe nicht ausreichend bewältigt hat. Wenn man an dieser Stelle auch noch entweder Tomatenpüree oder, wie ich es wesentlich lieber mag, gewürfelte Tomaten und ein bisschen Chili – vorzüglich natürlich Peperonici – dazu gibt, hat man plötzlich nicht mehr alla Gricia, sondern All’Amatriciana. Warum beides in einem Artikel abgehandelt wird, dürfte damit auch in Klarheit verbleiben. Das bemühevoll Zubereitete darf optional mit Petersilie verfeinert und mit Pfeffer und Peccorino dekoriert werden.

Grobes Leberpâté

Posted in Essen & Trinken on 9. Juni 2013 by Herr Grau

IMAG0761

Pâté klingt zugegebenermaßen äußerst französisch, kommt es doch schließlich fabrikfrisch adrett und äußerst suggestiv mit Aigu und Circonflexe daher. Die Ursprünge sucht man aber im Franzenland vergeblich, urgehoben hat hier der osteuropäische Jude. Überraschung!

Jüdische Immigranten bildeten eine der größten fremdländischen Bevölkerungspopulationen der USanischen Ostküste, vor allem von Neuyork. Entsprechend haben die aus deren reichhaltiger kulinarischer Tradition entstandenen Delis (kurz für: Delicatessen) von dort aus neben dem Sauerbrot mit Pastrami vor allem auch Chopped Liver im Gesamtstaatenbund bekannt gemacht. In Deutschland muss man unrühmlicherweise den Leuten leider immer noch hektisch mit den Armen wedelnd erklären, dass man Leber tatsächlich essen kann. Dass einige Leute Leberwurst essen, sich aber beständig weigern, gehackte Leber auch nur zu probieren, treibt mich im Regelmaß auf die Palme. Denn an und für sich hat dieses Pâté das Potential, auf der nächsten Festivität mit Hochdruck gütebringend einzuschlagen. Spottbillig ist das Ganze außerdem noch.

Meine Zubereitung ist nicht traditionell, ich persönlich ziehe meine aus etlichen Experimenten entsprungene Variante aber vor. Deswegen habe ich auch einen ambivalenteren Namen gewählt.
Man dünstet in einer Pfanne in richtig ordentlich Butter eine große, in Würfel gehackte Zwiebel glasig. Derweil hackt man ein Pfund Geflügelleber äußerst klein und gibt diese unter Maximierung der Hitzezufuhr dazu, wenn einem das schmurgelnde Schalengewächs in seinem Dünstzustand zu gefallen weiß. Kritisch: Leber nur kurz braten, sonst wird sie bitter. Abgelöscht wird sodann mit einem ordentlichen Schwenk Rotwein. Salz, Pfeffer und frischer Thymian kommen dazu, eventuell auch ein bisschen Rosmarin, aber nicht übertreiben damit. Rotwein komplett einkochen, dann etwa 50ml Sahne dazu und auch verkochen. Vom Feuer nehmen und sofort ein großes Stück kalte Butter unter. Außerdem kommt auch großzügig gehackter Schnittlauch dazu.

Am besten füllt man das ganze in kleine ausgekochte Wurstgläschen. Wenn man genug hungrige Mäuler oder einfach selbst ausreichend Appetit bei der Hand hat, kann man es aber auch einfach in einer Schale oder Plastikdose in den Kühlschrank stellen. Heiß oder kalt, auf jeden Fall aber auf Butter und mit mehr frischem Schnittlauch, einer der großen Genüsse dieser Welt.